Tskaltubo | Projektziele und Forschungsansatz (Georgien)

Das im Westen Georgiens in der Region Imeretien gelegene Tskaltubo verzeichnet seit etwa 2010 einen langsam zunehmenden Tourismus, den der georgische Staat durch internationale Partnerschaften anzuschieben versucht. Wegen der sowjetischen Vergangenheit als Bäder- und Kurort treffen diese Bemühungen dort grundsätzlich auf Vorbereitung im Umgang mit touristischen Interessen. Allerdings ist eine solche In-Wert-Setzung Tskaltubos bis heute behindert durch die Besiedelung der verfallenden Sanatorien und Erholungsheime durch Binnenflüchtlinge in Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen in Abchasien und Süd-Ossetien. Zudem sind grundsätzliche infrastrukturelle Probleme bis heute nicht gelöst. So bietet sich in Tskaltubo ein Raum, in welchem unter fast laborähnlichen Bedingungen untersucht werden kann, wie sich Tourismus als Bewältigungsstrategie ökonomischer und sozialer Krisen auf räumliche ökonomische, ökologische und soziale Strukturen auswirkt, wobei alle Beteiligten im Feld materielle und geistige Objekte umgestalten. Die humangeographische Studie im Praxisfeld ‚Tourismus‘ wurde 2017 begonnenen und ist auf mehrere Jahre ausgelegt. Der praxistheoretische Zugang fasst soziale Praxis als das Prozessieren unterschiedlicher latenter und manifester Wissensbestände mit- und gegeneinander und sucht über eine Rekonstruktion der inhärenten Logiken der handelnden Akteure Möglichkeiten und Grenzen von Maßnahmen zu bewerten und Handlungsempfehlungen zu erarbeiten.
Hierbei werden zunächst Konstellationen konkreter Objekte im Raum photographisch, zeichnerisch und kartographisch erfasst (vgl. Verständnis von Räumlichkeiten als Abbilder vielfacher Transformationen im Konzept einer Archäologie des Sowjetimperiums durch Schlögel 2017, 21).

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Das photographische Erfassen, das die Vorstellungen verschiedener Bewohnergruppen Tskaltubos mit einbeziehen wird, soll einen Zugang eröffnen zu deren gemeinschaftsbezogenen, familiengeschichtlichen und individuell-biografischen Narrativen. Dies erfolgt mittels teilnehmender Beobachtung und Befragungen (Mischung aus analytisch im Vorfeld und im fortschreitenden Prozess gewonnenen Leitfragen). Eine Vor-Auswahl geeigneter Informanten ist durch drei Vorerhebungen getroffen und erweitert sich durch die fortschreitende Arbeit im Feld. Angestrebt wird eine idealtypische Verteilung über Gruppen und Funktionsträger in Tskaltubo (u. a. Vertreter von IDPs, Vertreter der Verwaltung, Beteiligte im Tskaltubo Spa-Projekt).

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Die gewonnen Daten (Bildmaterial, Textmaterial, historische Dokumente etc.) werden im fortschreitenden Prozess mit folgenden Forschungsfragen konfrontiert:

Wirtschafts- und sozialgeographische Aspekte:

  • Welche Netze der Einkommenssicherung liegen vor (Tourismus, Subsistenz-Landwirtschaft, innerfamiliäre und intergenerationelle Angestelltenverhältnisse, staatliche Leistungen, z. B. Pensionen und Unterstützungszahlungen für Binnenflüchtlinge)?
  • Welche Rolle spielen Migration und inner-/interfamiliäre Wohnortsdiversifizierung bei der Einkommenssicherung?
  • Welche Hoffnungen und Wünsche sind bei den verschiedenen in Tskaltubo lebenden Gruppen mit einer touristischen Transformation verbunden? Wie glauben sie von ihr profitieren zu können?
  • Welche ökonomischen, sozialen und räumlichen Auswirkungen entwickelt der touristische Einfluss?
  • Welche Alternativen bieten sich als Ergebnis der Analyse zu bisher projektierten Strukturen touristischer Nutzung?

Ethnographisch-soziologische Aspekte:

  • Welche Kontinuitäts- und Stabilitätserzählungen lassen sich rekonstruieren (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft)?
  • Welche Bruchsituationen lassen sich identifizieren? Welche Ursachen werden Bruchsituationen zugewiesen (Modernität, Tradition, übergeordnete Mächte, Tourismus)?
  • Lassen sich Unterschiede in Kontinuitäts- und Brucherfahrungen rekonstruieren, die von den Arten der Beteiligten abhängen (permanente Residenten, Binnenflüchtlinge verschiedener Phasen, Generationen etc.)?
  • Welche Praktiken an Bewältigungsstrategien zeigen die Beteiligten?

Forschungsmethodologische Aspekte:

  • Welche theoretischen Lösungen sind möglich für ein – ggf. als anti-praxeologisch zu beurteilendes – Vorgehen im Anwenden eines gesetzten heuristischen Instruments (im vorliegenden Falle Reckwitz 2017), welches über den Instrumentcharakter das Feld bereits theoretisch vorstrukturiert?
  • Wie kann die Materialität von Praktiken konsistent erhoben werden jenseits einer Teilnehmer- oder Zeugenschaft der Erhebenden an den Praktiken?
  • Wie kann die für praxeologische Ansätze zentrale theoretische Unterscheidung von expliziten und impliziten Wissensbeständen jenseits von Video-, Interview- und Gruppendiskussionsdaten auf (digitale) Objekte, Räumlichkeiten und Zeitlichkeiten angewandt werden?
  • Welche Forschungsinstrumente können als Methoden durchgehend konsistent auf welche Arten von Daten angewendet werden (Videografien, Fotografien, Texte, dynamische Bild-Text-Kombinationen auf Webseiten)?

Text: © Stefan Applis (2018)

Bilder: © Stefan Applis (2018, 2017)

Projektpartnerin:

Dr. Nino Tserediani (Direktorin des Svaneti Museum of History and Ethnography); http://museum.ge/index.php?lang_id=ENG&sec_id=50

Literaturhinweise

Reckwitz, A. (2017). Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Suhrkamp.

Schlögel, K. (2017). Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt. C.H. Beck: München.

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