Ethnographien

„Kulturen und Ethnien sind nicht deckungsgleich, auch wenn ‚kulturell‘ und ‚ethnisch‘ oft synonym verwendet werden.“ (Beer 2013, 68)

ETHNOGRAPHIEN sind in Darstellungen von Erzählungen enthalten, in denen sich Menschen auf Vorstellungen eines ethnisch begründeten Andersseins beziehen. Sie sind deshalb immer auch Erzählungen vom Eigenen & vom Fremden. Ethnographisch ist der hier verfolgte Ansatz insofern, als Beschreibungen und Begründungen von Ethnizität wiedergegeben werden.

Dieses Wiedergeben erfolgt über Photographien und Texte, die mit dem Ziel der Repräsentation sozialer Welten gebündelt wiedergegeben werden. Nicht immer erfolgt eine Analyse der Beschreibungen; findet sie dennoch statt, erfolgen Auswertungen der Ergebnisse insofern nicht ethnologisch, als der Auswertende Geograph ist und als solcher Zugänge zu den sozialen Welten oder Feldern sucht, die verschiedenen Wissenschaftsdidsziplinen verbunden sind.

„The human sense of a community is how people use space, how they distribute themselves, and how and where they flow together in sense of time and motion. The human mapping of a town would realisticaly appear as a scheme in time and space.“ (Collier 1973, 242)

Was vereint Menschen in ETHNIEN? Zunächst einmal die soziale Tatsache, dass sich Menschengruppen darauf berufen, sich von anderen Gemeinschaften zu unterscheiden – z. B. erklären sie ihre Zusammengehörigkeit über eine gemeinsame, auch angenommene, Geschichte, beziehen sich auf ein gemeinsames, auch angenommenes, Herkunftsgebiet und machen einen Kernbestand an kulturellen Gemeinsamkeiten aus in Wertvorstellungen, Normen und kulturellen Praktiken. Die dabei zum Ausdruck gebrachten Gemeinsamkeiten können meist nur durch starke Verallgemeinerungen als ausschließlich oder typisch gelten.
Die Herstellung von Gemeinschaft ist dabei ganz zwangsläufig mit der Herstellung von Abgrenzung gegen andere verbunden. Zugleich produzieren auch die sogenannten Anderen Abgrenzung, indem sie eine ethnische Gruppe als solche herstellen, z. B. durch Merkmalszuschreibungen wie Traditionen, Lebensweisen oder Aussehen. Abgrenzungspraktiken verstärken einander nahezu unvermeidbar, da sie von Innen und Außen vollzogen werden. Meist herrscht innerhalb von Kollektiven mit starker ethnischer Identifikation das Ideal der Endogamie: Heiratspartner werden überwiegend innerhalb der Gemeinschaft gesucht.

Kollektive, die sich als ethnisch verstehen oder sich über gemeinsame Kultur definieren, teilen sich nie alle Bereiche, in denen sie sich als gleich und damit verschieden von anderen wahrnehmen.

„‚Der richtige Ausgangspunkt ist (…) nicht Struktur, sondern Aktivität. Das, was einer Gemeinschaft den Charakter einer Gesellschaft gibt, ist nicht Struktur, sondern ihre Kapazität, gemeinsam zu handeln‘ (Park 1927, 15), und das Leben besteht aus Menschen, die handeln (Prus 1994, 16).“ (Dwelling & Prus 2012, 19)

KULTUR wird hier und im Folgenden verstanden als das tradierte Wissen & Verhalten eines Kollektivs, bestehend aus expliziten und impliziten Mustern von und für Verhalten. Diese Muster finden ihren Ausdruck im Tun von Menschen. Das Tun ist dabei kulturell nie völlig geschlossen, sondern prinzipiell offen und dynamisch im Umgang mit Dingen, Menschen, Räumlichkeiten und Zeitlichkeiten sogenannter „anderer Kulturen“. Auch hier gilt, dass das Herstellen kultureller Eigenheiten ganz zwangsläufig mit der Herstellung von kultureller Andersheit oder Fremdheit verbunden ist. Das Prinzip der Offenheit berücksichtigt dabei die immer auch verfügbare Wahlmöglichkeit zwischen Abgrenzung oder Zugehörigkeit.

Die Beiträge unter dem Schlagwort ETHNOGRAPHIEN verfolgen auf methodologisch verschiedene Weise die Frage danach, über welche kulturellen Praktiken (ethnische) Kollektive hergestellt werden und gegen welche Kollektive sich diese Herstellungsprozesse richten.

Autor: © Stefan Applis (2018)

Bild: © Stefan Applis (2018)

Hinweis: Beiträge & Seite befinden sich im Aufbau (Oktober 2018); Beiträge mit dem Schlagwort Ethnografien finden sich hier.

Literaturhinweise:

Beer, B. (2013): Kultur und Ethnizität. In: Bettina Beer & Hans Fischer (Hrsg.): Ethnologie. Einführung und Überblick (53-74). Reimer: Berlin. Online verfügbar unter: http://www.bettinabeer.info/pdf/2011_Beer_Kultur-und-Ethnizitaet.pdf (Letzter Aufruf 2.10.2018)

Collier, John, Jr. (2003): Photography and Visula Anthropology. In: Paul Hockings (Ed.). Principles of Visual Anthropology (235-245). De Gruyter: Berlin, New York.

Dwelling, M. & Prus, R. (2012): Einführung in die interaktionistische Ethnografie. Soziologie im Außendienst. Springer VS: Wiesbaden.

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