Tskaltubo | Ein ehemaliger Kurort zwischen Armutstourismus und Bädertourismus (Georgien)

Tskaltubo liegt 15 km nordwestlich von Kutaissi, der zweitgrößten Stadt Georgiens. In der Sowjetzeit war Tskaltubo einer der größten Kurorte des Republikverbundes. In den 1970er Jahren umfasste das Kurangebot der Sowjetrepubliken „rund 6000 Sanatorien, Prophylaktorien und Pensionaten, in dem jährlich an die 13 Millionen Menschen versorgt wurden; […] rund 90 Prozent zu privilegierten Bedingungen auf Staatskosten“ (Schlögel 2017, 305 unter Bezug auf Kozlov 1979). Wegen seiner leicht radioaktiven Thermalquellen wurde Tskaltubo bereits seit dem 19. Jahrhundert als Heilbad betrieben. Im Zuge der sowjetischen Kurortpolitik, die zuvorderst der Aufrechterhaltung der sozialistischen Arbeitskraft diente, baute man es zwischen 1939 und 1955 auf. Dabei entstanden historisierende Gebäudekomplexe im Stil des sowjetischen Neo-Klassizismus – in einer zweiten Hochphase der 1970er Jahre wurde Tskaltubo dann architektonisch im Stil der sowjetischen Moderne ausgebaut.

Nach dem Abchasien-Krieg 1992/93 wurden in Tskaltubo ungefähr 10.000 der rund 250.000 vertriebenen Georgier untergebracht. Da diese seit mehreren Generationen in Abchasien gelebt hatten, verloren sie mit Vertreibung und Flucht alles Wohn- und Grundeigentum, das 1992 in Privateigentum überführt worden war (vgl. Zhvania 2010 zum Überblick zur Privatisierung von Wohneigentum in Georgien). Deshalb konnten diese Binnenflüchtlinge auf keine Ressourcen zurückgreifen, die es ihnen ermöglicht hätten, die Kurhotels, Sanatorien oder Erholungsheime zu verlassen, in welche sie einquartiert worden waren (vgl. Mestvirishvili 2012: Überblick zu Strukturen sozialer Ausgrenzung in Georgien). Da zudem der Tourismus im von kriegerischen Auseinandersetzungen geschüttelten Georgien seit Beginn der 1990er Jahre durch die Abtrennung vom früheren Sowjetimperium zunächst vollständig zum Erliegen kam, konnten sie weiterhin dort wohnen bleiben. Die Flüchtlinge waren also auf die Unterkunft in Kurhotels und Sanatorien angewiesen und auf die über das Wohnen hinausreichende Ressourcen, welche die Kuranlagen ihnen boten: Kurparks verwandelten sich in Gärten und Viehweiden, Bäume wurden geschlagen, Tische, Stühle, Theken und Parkette der Speisesäle verwendet, um kochen und heizen zu können. Nach und nach verfielen so auch die prächtigsten der zumeist in den 1950er Jahren auf Geheiß Stalins errichteten Gebäude und Parkanlagen.

Heute wird das Vier-Sterne-Hotel „Tskaltubo SPA Resort“ als einziges der Hotelgebäude und Sanatorien, die in der Sowjetzeit errichtet worden waren, noch als solches betrieben. Dies liegt vor allem daran, dass es war bereits Anfang der 1990er Jahre von paramilitärischen Einheiten besetzt worden war, welche in Folge des Konfliktes von 1992/93 die Flüchtlinge aus Abchasien fernhielten. Alle weiteren heute betriebenen Hotelgebäude sind Neubauten, nur eines der früher zwei medizinischen Anwendungszentren ist derzeit in Betrieb.

Tskaltubo geriet bald nach der Unabhängigkeitserklärung Georgiens in den Blick ausländischer Investoren, da sein touristisches Potential aus der Sowjetzeit bekannt war und nach den ohnehin zu erwartenden unruhigen Zeiten eines wie auch immer verlaufenden Überganges ganz zwangsläufig für eine global operierende Tourismusindustrie interessant werden musste. So wechselten seit den 1990er Jahren bereits manche der Hotels die Eigentümer, während dort weiterhin Flüchtlingen lebten. Da Georgien sich schlechter als erwartet entwickelte und seine Einwohner seit nunmehr bald dreißig Jahren in prekären Verhältnissen leben, wurden manche der früh erworbenen, weiter verfallenden Gebäude wieder abgestoßen (vgl. Bericht zu Problemen von Intransparenz und Korruption bei staatlichen Enteignungen und Immoblienverkäufen von Transparency International Georgia, o. J.).
Tskaltubo erlangte zunächst in Folge der Aktivitäten ausländischer Nichtregierungsorganisationen (NGOs) internationale Aufmerksamkeit, da der georgische Staat bis heute nicht selbst die Mittel aufbringen kann, die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Zudem wurde diese in Folge des Jahres 2008 durch den zweiten Ossetien-Konflikt zusätzlich angefacht.

Da wechselnde US-amerikanischen Regierungen Georgien als durch Russland nicht kontrollierte Plattform im Kaukasus und Durchgangsraum für Erdöl und Gas zu etablieren suchten, floss vor allem in der Zeit der Saakaschwili-Regierung (2004–2012) ausländisches Kapital ins Land. Im Zuge dessen gelangten wieder Ausländer nach Tskaltubo und es entwickelte sich u. a. ein wachsender Rucksacktourismus, von dem zahlreiche Blogs mit Erfahrungsberichten und Fotografien in vielen westeuropäischen Sprachen zeugen.

Dieser Tourismus, der sich auf außergewöhnliche und besondere Begegnungen mit Menschen konzentriert, die unter prekären Verhältnissen leben, Schreckliches erlebt und alles verloren hatten, interessiert sich durchaus für die Bewohner der Sanatorien, die eindrucksvoll von einer untergegangenen Zeit zeugen. Allerdings muss er als Variante eines Armutstourismus bezeichnet werden, da die Bewohner oftmals die Rolle von Statisten auf den morbiden Bühnen der verfallenden Gebäude spielen.
Parallel entwickelte sich ein neuer Bädertourismus, der ebenfalls Sowjetnostalgie bietet und sich zugleich mit hochpreisigen Angeboten und Sicherheitspersonal abschirmt von der de facto-Realität Tskaltubos als Flüchtlingscamp.

Dem georgischen Staat ist es auch nach mehr als 25 Jahren nicht gelungen, alle Flüchtlingsfamilien in alternativen Wohnraum umzusiedeln. Recherchen in den Jahren 2017/18 vor Ort zeigten, dass ein Großteil der Flüchtlinge in neu errichteten Wohnraum am Stadtrand Tskaltubos nicht umziehen kann, weil der georgische Staat die neuen Wohnflächen nahe am Rohbauzustand übergibt, und die Betroffenen nicht in der Lage sind, das Geld dafür aufzubringen, die Wohnungen bezugsfertig zu machen. Denn diese werden ihnen in der Regel ohne weitere Ausstattung, in zweifelhaften Stadien der „Fertigstellung“ übergeben.

Seit Juni 2018 werden die Gebäude Taskaltubos durch die „Tskaltubo Development Company“ nach ersten Initiativen 2011 und 2013 wiederholt zur Versteigerung angeboten.

wp_Entwicklungsplan_Tskaltubo_Kohl-Partner

Diese ist so konzeptioniert, dass sie zunächst als Einrichtung des Staates operiert, um alle infrastrukturellen Maßnahmen umzusetzen und mit zunehmender Etablierung, d. h. mit Zunahme an privatwirtschaftlichen Anteileignern schließlich in eine Teilhabergesellschaft überführt werden soll (vgl. Partnership Fund 2018, 9). Geplant ist, Tskaltubo als „Medical and Wellness Spa Capital“ im Rahmen eines internationalen Partnership Fund zur „größten Spa-Stadt Osteuropas“, gar zur „Reborn Medical and Wellness Spa Capital“ (vgl. „Teaser“ des Partnership Fund 2018, 5ff.) zu entwickeln.

Literaturempfehlungen:

Kozlov, I. I. (Ed.) (1979). Zdravnicy profsojusov SSSR. Kurorty, sanatorii, pansionaty i doma otdycha profsojusov. (Izdanije pjatoepererabotanoe i dopolnennoe). Moskva.

Schlögel, K. (2017): Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt. C.H. Beck: München.

Mestvirishvili, N. (2012): Social Exclusion in Georgia: Percieved Poverty, Perticipation and Psycho-Social Wellbeeing. In: Caucasus Analytical Digest, 40, 2-5. Abrufbar unter: http://www.laender-analysen.de/cad/pdf/CaucasusAnalyticalDigest40.pdf (25.9.2018)

Partnership Fund (2018): Medical and Wellness Spa Development. Partners: Kohl & Partners, geographic, Nola 7, Georgian State. Verfügbar unter: http://www.economy.ge/uploads/proeqtebi/sainvesticio_politika/tskaltubo_project/Teaser_-_Tskaltubo_Medical_and_Wellness_Spa_Development.pdf (letzter Aufruf 24.8.2018)

Transparency International Georgia (o. J.). Property Rights in Post-Revolutionary Georgia. Abrufbar unter: https://www.transparency.ge/sites/default/files/Property%20Rights%20in%20Post-Revolution%20Georgia.pdf (letzter Aufruf 24.8.2018)

Zhvania, I. (2012): Housing in Georgia. In: Caucasus Analytical Digest, 23, 2-5. Abrufbar unter: http://www.laender-analysen.de/cad/pdf/CaucasusAnalyticalDigest23.pdf (25.9.2018)

Text: © Stefan Applis (2018)

Bilder: © Stefan Applis (2018, 2017), außer Entwicklungsplan Tskaltubo (Kohl & Partners, 2018)

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