Archiv des Wandels | Swanetien. Tradition und Moderne

Swanetien ist bekannt für seine weitgehend unberührte Gebirgslandschaft und die besondere Architektur seiner Bergdörfer. Die historische Kaukasus-Region gilt als ein Raum mit eigener Kultur, die selbst die Zeit der Sowjetunion überdauert hat. Die meisten der ganzjährig in Swanetien lebenden Gebirgsbewohner betreiben eine Bergbauernwirtschaft, die überwiegend der Selbstversorgung dient. Seit etwa 10 Jahren aber ist das Leben der Menschen durch einen steigenden Tourismus den vielleicht stärksten Veränderungen seit der Sowjetzeit unterworfen.

Bis zur Veröffentlichung der beiden mit dem Hauptpreis der Internationalen Tourismusmesse in Berlin, den ITB Destination Award ausgezeichneten Büchern „Swanetien entdecken. Ein Kultur- und Naturreiseführer für Georgien“ und dem Bild- und Textband „Swanetien. Tradition und Moderne“. war Swanetien in den gängigen Reiseführern nur als eine von vielen interessanten Regionen Georgiens geführt, weshalb die Ausführungen zu Geschichte, Kultur- und Naturraum eher knapp ausfielen. So mussten Besucherinnen und Besucher der Region als Ergänzung auf Informationen verschiedener Online-Plattformen zurückgreifen, die die komplexen sozialen, ökonomischen und ökologischen Gegegenbenheiten vor Ort meist stark vereinfacht darstellten; von den großen Herausforderungen, vor denen Swanetien auch vor dem Hintergrund seiner zunehmenden touristischen Erschließung steht, wird zudem eher selten berichtet.

Die Entwicklungen gingen in den zurückliegenden Jahren so rasant voran, dass viel an kulturellem Erbe in der historischen und der während der Sowjetzeit in eigenen Stilformen transformierten Architektur der Bergdörfer, auch alltäglicher Gegenstände, leider unwiederbringlich verloren ist.

Hier versuchen Bild-Text-Band und Reiseführer auch wie eine Art Archiv des Wandels zu wirken, in welchem Geschichten und Bilder von Menschen, Landschaften, Alltagspraktiken, Gebäuden und Einrichtungsständen bewahrt werden.

Neben den beiden populärwissenschaftlichen Publikationen werden interessierten Leserinnen udn Lesern auch die folgenden wissenschaftlichen Beiträge zur Lektüre empfohlen:

Im Mittelpunkt der Untersuchungen zu Swanetien steht die Dorfgemeinschaft Uschguli in der Region Oberswanetien im Norden Georgiens. Uschguli war 1996 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt worden war, seit etwa 2010 nahm der Tourismus dort schrittweise zu. Bis dahin waren die Region und die Dorfgemeinschaft relativ unvorbereitet auf die Interessen und Bedürfnisse der Besucher und den Umgang mit der Vielfalt moderner Lebensstile. Das Aufeinandertreffen und in vielen Fällen das Aufeinanderprallen der Interessen von Dorfbewohnern und Touristen war dementsprechend schwer zu kanalisieren. Der Beitrag gibt einen Überblick über die 2017 begonnene und auf mehrere Jahre angelegte Studie, den Forschungsansatz sowie zentrale Ergebnisse.

Grosse Hoffnungen auf einen nachhaltigen Tourismus verbinden oft mit der Unterbringung in dauerhaft bewohnten Familienhäusern, einer Art Mischung aus Ferien auf dem Bauernhof und Wander- sowie Ökotourismus. Denn die Bewohner, die das ganze Jahr über in Uschguli leben, können so zugleich für den Erhalt der Kulturlandschaft sorgen. Ohne sie gäbe es keine Pferde, Kühe oder Schweine vor Ort, die Weiden würden nicht gemäht, und es gäbe keine regional erzeugten Lebensmittel. Eine Analyse von Online-Kommentare und Interviews mit den lokalen Akteuren zeigen aber die engen Grenzen einer erfolgreichen Kommunikation zwischen den Anbietern touristischer Dienstleistungen und den Urlaubern. Fast jeder Besuch kann schnell zu einem Balanceakt werden, der zu Online-Bewertungen führt, die gravierende wirtschaftliche Folgen für die Dorfbewohner haben können. Der damit zusammenhängende Konkurrenzdruck unter den Dorfbewohnern macht es so für alle schwierig, nachhaltige Einnahmen aus Übernachtungen, Pferdetouren etc. zu generieren.

  • Applis, Stefan. 2022. „Crises around Concepts of Hospitality in the Mountainous Region of Svaneti in the North of Georgia“ Tourism and Hospitality 3, no. 2: 416-434. https://doi.org/10.3390/tourhosp3020027

Text: Stefan Applis (2025)

Fotografie: Stefan Applis (2019)

Video: Stefan Applis (2025)