Fürth als eine von Migration geprägte Stadt
Fürth ist mit rund 130.000 Einwohnerinnen und Einwohnern die sechstgrößte Großstadt in Bayern. Die Geschichte der Stadt ist seit Beginn der Industrialisierung von Zuwanderung geprägt. Bereits seit dem 16. Jahrhundert war Fürth als Raum für jüdisches Leben bedeutsam, zu dem bald ein Friedhof, eine Talmudschule und eine Synagoge gehörten, weitere Schulen und ein Krankenhaus folgten. 1807 betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung 19%. Von der Geschichte jüdischen Lebens zeugen bis heute zahlreiche Stiftungsgebäude im städtischen Raum. Mit Ausnahme der gewaltvollen Zeit des Nationalsozialismus, die zu einer Vernichtung des jüdischen Lebens in Fürth führte, war das gesellschaftliche Leben der Stadt durchweg von den Migrationsbiografien seiner Bewohnerinnen und Bewohner geprägt. Für die Stadt Fürth ist Migration bis heute kein Sonder-, sondern der Normalfall gesellschaftlicher Reproduktion. Dem trug die Stadt 2021 Rechnung mit einer Gedenkstätte für die Leistung der sogenannten „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“, mit denen die Stadt den meist aus der Türkei, Griechenland, Italien, Portugal, Spanien und dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Menschen dankt, die eine „offene Stadtgesellschaft bereichert und die wirtschaftliche Entwicklung entscheidend mitgeprägt haben“ (Zitat aus der Inschrift des von dem Bildhauer André Jeschar gestalteten Denkmals). Heute stammt der Großteil der Zuwanderinnen und Zuwanderer aus Ländern Südosteuropas wie Bulgarien, Rumänien, der Republik Moldau und in jüngster Zeit aus der Ukraine. Der Anteil der „Menschen mit Migrationshintergrund“ lag in Fürth 2019 bei 41,4%.
Begriffsbestimmung „Postmigrantische Gesellschaft“
Vor Beginn einer postmigrantischen Kritik in den Sozial- und Kulturwissenschaften folgten Erzählungen über Migration einem bestimmten Schema: Hierbei wurden Migrationsgeschichten als Ausnahmeerscheinung neben einheimischer Normalität erzählt (vgl. hier und im Folgenden u.a. Yildiz 2018, Foroutan 2018). Zum gesellschaftspolitischen Blick auf Migration als Sonderfall gehören Konzepte wie „Leitkultur“, „Integration“, Parallelgesellschaft“ oder „ausländische Mentalität“; hierbei werden Migrantinnen und Migranten oft in einer Art „Migrantologie“ (Röhmhild 2009) nach Herkunftsländern sortiert. Die postmigrantische Perspektive vollzieht zum einen eine Distanzierung zu den oben genannten Konzepten und den darin enthaltenen impliziten Annahmen von Migration als Bedrohung, Verfremdung und Ausnahmezustand (vgl. Foroutan, Karakayali & Spielhaus 2018, 10). Zum anderen soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass Migration längst ein selbstverständlicher gesellschaftlicher Bezugspunkt ist als eine empirisch messbare Tatsache veränderter pluralisierter Zusammensetzungen der Gesellschaften in Europa.
Begriffsbestimmung „Arrival City“
Das Konzept der „Ankunftsstadt“ stammt von dem US-amerikanischen Journalisten Doug Saunders, dessen Buch „Arrival City: How the largest Migration in History is Reshaping Our World“ 2011 auf Deutsch erschien. Mittlerweile verwendet man den Begriff auch, um auf den kosmopolitischen Charakter und die Weltoffenheit einer Stadt (etwa der „Ankunftsstadt Hamburg“) zu verweisen (vgl. hier und im Folgenden Schmidt 2018). 2015 spricht Saunders in Frankfurt/Main über die Stadt als deutsche „arrival region“; 2016 wird Oldenburg Teil eines EU-geförderten Städtenetzwerkes „Arrival Cities“, in dem es darum geht für die Integration von Zugewanderten, insbesondere von Geflüchteten, Konzepte zu entwickeln. Die über viele Jahrzehnte in Deutschland vertretene Position, dass die Bundesrepublik kein Einwanderungsland sei, hatte Konsequenzen für die Ankommenden. Zum einen wurde ihre Bewegungsfreiheit durch Residenzpflicht, Zuzugssperren, Arbeits- und Studierverbote eingeschränkt, des Weiteren wurde ihre Anwesenheit durch die Verweigerung der Anerkennung staatsbürgerlicher Rechte selbst nach Jahrzehnten von offizieller Seite nicht anerkannt. Mit Diskussionen um Obergrenzen und um politische Regelungen (Asylverschärfung), mit familiären Nachzugsverboten, Erklärungen zu sicheren Herkunftsländern, Arbeitsverboten, der Nicht-Anerkennung ausländischer Studienabschlüsse etc. wurde und wird weiterhin versucht, Zuwanderung nach Deutschland zu verhindern. Das Konzept der Arrival City ist stattdessen mit der Idee verbunden, dass Möglichkeiten zum Ankommen eröffnet werden. Hierzu entwickelt Saunders aus seinen Beobachtungen acht Kriterien, die Städte zu Ankunftsstädten machen, z.B. die Verfügbarkeit von billigen Ladenflächen, das Bestehen von informellen transnationalen Netzwerken, der niedrigschwellige Zugang zum Arbeitsmarkt oder die Verfügbarkeit von günstigem Wohnraum. Fürth erfüllt diese Kriterien nahezu idealtypisch, was sie zu einer der wichtigen Arrival Citys in Deutschland macht.
Begriffsbestimmung „Stadt-Erzählungen“
Für Fürth ist Migration kein Sonderfall, sie betrifft die städtische Gesellschaft im Ganzen. Entsprechend ist im Projekt „Arrival City Fürth“ Migration nicht Thema oder Gegenstand der Betrachtung, sondern eine Perspektive, die marginalisierte Erinnerungen ins Zentrum rückt. Hierbei sollen Geschichten aus der Perspektive und Erfahrung von Migration erzählt werden und damit neu gedacht werden „als gesellschaftsbewegende und gesellschaftsbildende Kraft“ (Hess 2015, 49ff.). Migrationsgeschichten neu zu erzählen bedeutet u.a. das „Gastarbeiter“-Konzept zu bearbeiten und aufzulösen, indem die kulturschaffende Kraft, welche die Menschen als „Pioniere einer Transnationalisierung“ (Yildiz 2018, 24) entfalteten, ins Zentrum der Betrachtung gerückt wird. Hierbei erwarben sie transkulturelle Kompetenzen, akkumulierten Mobilitätswissen, schufen grenzüberschreitende Infrastrukturen und informelle Netzwerke. Im Zuge der De-Industrialisierung der 1970er Jahre, als sie massenhaft von Arbeitslosigkeit betroffen und auf dem offiziellen Arbeitsmarkt benachteiligt waren, schlugen viele auf eigene Rechnung den Weg in die Selbstständigkeit ein und schufen urbane Ökonomien, um sich und ihren Kindern weitgehend ohne staatliche Unterstützung Aufstiegschancen zu eröffnen (vgl. Yildiz 2018, 25). Bereits für diese und die kommenden Generationen bedeutete dies starre Lebensentwürfe und nationale Räume zu verlassen. Die eigene, vermeintliche Herkunftskultur wurde und wird von ihnen praktisch neu erfunden, indem sie eigene imaginäre Bezugsräume entwerfen (Appadurai 1989, 13). Diese realen und imaginären Räume sollen im Projekt „Arrival City Fürth“ vom vermeintlichen Rand der Gesellschaft über das Erzählen von Stadt-Geschichten ins Zentrum gesetzt werden.
Projektaufbau/Forschungsdesign – Reflexive Fotografie und biografische Interviews
Phase 1
Das Projekt nimmt seinen Ausgang bei den seit den 1970er Jahren fortschreitend bis heute erfolgten urbanen Ökonomien, die als Selbständigkeit auf eigene Kosten (s.o.) den urbanen Raum und damit das Bild der Innenstadt wesentlich prägen. Hierbei werden Unternehmerfamilien adressiert, die entweder in jüngerer Zeit oder bereits seit Jahrzehnten in Fürth Geschäfte verschiedener Art betreiben, vom Dienstleistungsbereich über den Lebensmittelhandel, die Gastronomie, hin zu Reisebüros, Handwerksbetrieben etc. Aus diesem Feld an Personen werden 15 Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner gewonnen, die bereit sind vom Ankommen, Bleiben, Nach- und Weiterziehen von Familienmitgliedern zu erzählen – hierbei können im Rahmen von Prä-Interviews Familienfotografien oder andere Dokumente eingebracht werden als Grundlage für die (familien-)biografischen Interviews. Anschließend erhalten sie den Auftrag in Fürth Orte, soziale Räume und mit deren Einverständnis auch Personen zu fotografieren, die für ihre Migrationsgeschichte oder die ihrer Familie von Bedeutung sind (vgl. Dirksmeier 2013 zum ansatz der reflexiven Fotografie in der humangeographsichen Feldforschung). Auf diese Weise wird die postmigrantische Perspektive (s.o.) des Projekts formiert, da dadurch die Migrationssubjekte ins Zentrum gestellt und transnationale Verortungen zur Normalität werden. Auf dieser Grundlage werden 15 Post-Interviews geführt für die folgenden Schritte der Datenauswertung. Die zweite Zielgruppe bilden sogenannte Mittlersubjekte der Migration (Querfurt 2015), von denen 5 aus verschiedenen Institutionen gewonnen werden sollen. Hierbei handelt es sich um Personen, die auf Grund ihrer eigenen Migrationsgeschichte quasi von Amts wegen als Expertinnen und Experten für Migrationsverläufe angesehen werden und entsprechende Rollen z.B. in Schulen, Bildungseinrichtungen der Erwachsenenbildung, Nicht-Regierungsorganisationen, Quartiersbüros, städtischen Kultureinrichtungen bekleiden. Auch diese werden in Prä- und Postinterviews zu ihren Erfahrungen mit Fürth als Ankunftsstadt auf Grundlage von selbst erstellten Fotografien befragt. Die Datenauswertung erfolgt im Zusammenführen von Bild- und Textdaten in einem mehrschrittigen Analyseverfahren, in dem die im Feld gewonnen Ergebnisse durch Hinzuziehen von theoretischen und historischen Erkenntnissen verdichtet werden. Als Hauptergebnis des Projektes entsteht ein Bild-Text-Band zu Fürth als Ankunftsstadt aus postmigrantischer Perspektive, in dem die gewonnenen Ergebnisse in Auswahl zusammengeführt und mit einem breiten Publikum als Zielgruppe präsentierten werden.
Phase 2
Die Konzeption einer Ausstellung mit den Beteiligten (vgl. Beyer & Terkessidis 2018 zum antirassistischen Kuratieren) adressiert die breite Fürther Öffentlichkeit, um zu einer Differenzierung der Blicke auf Fürth als Arrival City beizutragen.
Phase 3
Um die Ergebnisse des Projektes dauerhaft frei öffentlich zugänglich zu machen und dazu anzuregen, weitere Migrationsgeschichten hinzuzufügen und das Bild von Fürth als einer pluralen Gesellschaft zu formen und zu diskutieren, wird eine Zusammenarbeit mit dem Verein Fürth-Wiki und dem Stadtarchiv Fürth angestrebt.
Literaturangaben
Appadurai, A. (1998). Globale ethnische Räume. In U. Beck (Hrsg.) Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt/Main, 11-40.
Beyer, N. & Terkessidis, M. (2018). Antirassistisches Kuratieren im Museum der Vielheit. In N. Foroutan, J. Karakayali & R. Spielhaus (Hrsg.). Postmigrantische Perspektiven. Ordnungssysteme, Repräsentationen, Kritik. Frankfurt/Main, 191-206.
Dirksmeier, P. (2013). Zur Methodologie und Performativität qualitativer visueller Methoden – Die Beispiele der Autofotografie und reflexiven Fotografie. In: Rothfuß, E., Dörfler, T. (eds) Raumbezogene qualitative Sozialforschung. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-531-93240-8_4
Foroutan, N., Karakayali, J. & Spielhaus, R. (2018). Kritische Wissensproduktion zur postmigrantischen Gesellschaft. In N. Foroutan, J. Karakayali & R. Spielhaus (Hrsg.). Postmigrantische Perspektiven. Ordnungssysteme, Repräsentationen, Kritik. Frankfurt/Main, 9-18.
Röhmhild, R. (2009). Aus der Perspektive der Migration. Die Kosmopolitisierung Europas In. S. Hess, J. Binder & J. Moser (Hrsg.). No integration?!: Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa, 225-238.
Sanders, D. (2011). Arrival City: How the largest Migration in History is Reshaping Our World. London.
Schmitt, K. (2018). “Arrival Cities” – Ankommen in Deutschland? Das Konzept „Ankunftsstadt“ und seine Übertragbarkeit. Bundeszentrale für politische Bildung.
Querfurt, A. (2015). Mittlersubjekte der Migration. Bielfeldt. Yildiz, E. (2018). Ideen zum Postmigrantischen. In N. Foroutan, J. Karakayali & R. Spielhaus (Hrsg.). Postmigrantische Perspektiven. Ordnungssysteme, Repräsentationen, Kritik. Frankfurt/Main, 19-34.
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