Ein Beitrag von Nino Tserediani, Direktorin des Svaneti Museum of History and Ethnography

Möchte man das traditionelle Rollenverständnis von Frauen und Männern verstehen, ist es sinnvoll zunächst einige zentrale sakrale Aspekte des swanischen Hauses zu betrachten, die zunächst für ein Verständnis der den Männern zugeordneten Rollen grundlegend sind.

Das Leben der in Swanetien lebende Georgier, die sich als Swanen bezeichnen, beginnt mit der Geburt in ihrem Heim, das auf Swanisch „qor“ heißt. Seine Bewohner heißen „mesge“. Der Wohnraum, in dem die Familie zusammenkommt, heißt „lasga“. Die Wurzel von „Lasga“ bildet den Begriff „sgei“, was im Swanischen „Sohn, Junge“ bedeutet. Diese Auswahl an Ableitungen zeigt bereits, welche Bedeutung dem Mann sprachlich zugewiesen wird in der swanischen Hochgebirgskultur: Er bildet gewissermaßen das „Fundament“ des swanischen Hauses – Sgei.

Hinsichtlich der Deutung der Struktur des swanischen Hauses wurden in ethnologischen Abhandlungen unterschiedliche Theorien eingebracht. Noch 1938 stellten T. I. Leshava und M. N. Jandieri fest, dass die Swanen die Form ihres Hauses und des Turmbaus von Nachbarvölkern übernommen hätten und die obere Etage mit saalartiger Fläche und Turm innerhalb eines Entwicklungsprozesses aus dem „Machubi“ heraus entstanden sei. Entgegen dieser Position meinten S. Makalatia, V. Bardavelidse und M. Tschartolani (M. Tschartolani, „Wirtschaftsbauten in Swanetien“, Studien zu der Swanischen Ethnographie, 1970, vgl. darin den Beitrag von N. Tserediani, S. 78-123), dass die innerhalb Swanetiens erbauten Wohnanlagen in dieser Form nur dort vorkommen würden.

oben: typischer swanischer Festungsbau in Tsvirmi, bestehend aus einem Turm und zwei angelehnten Häusern mit Machubi im Erdgeschoß und Darbazi im ersten Stock (Applis 2019)

Von gewissen Unterschieden abgesehen, herrscht unter den zuletzt genannten Autoren Übereinstimmung hinsichtlich der grundlegenden strukturellen Aspekte.

„Das swanische Haus ist eine Art Festungsbau, der aus mehreren Gebäudeteilen besteht und in dieser Form nur in Swanetien und an von Swanen bewohnten Orten vorkommt.“

Idealtypisch findet man swanische Wohnanlagen in Gemeinden und Ortschaften wie Ushguli, Zaleri, Lachamula, Sasa oder in Ghebi. Varianten der Grundstruktur finden sich im ganzen Oberen und Unteren Swanetien, im Ratschischen Gebirge und teilweise im nördlichen Kaukasus.

links: Machubi einer swanischen Festung in Murkmeli; rechts oben: Machubi des ethnographischen Familinemuseums in Ushguli; rechts unten: Vorratsschrank in einem Machubi in Latali (Applis 2019)

In diesen Wohnanlagen ist das Hauptgebäude im Erdgeschoß auf einer Ebene – vor allem im Winter – unter Menschen und Tieren aufgeteilt: Im vorderen Teil befindet sich der Wohnraum, im hinteren Teil liegt der Viehstall.

Turmartige Hausbauten sind generell charakteristisch für die westgeorgische kolchische Kultur. Im Tal von Kolchis waren vorwiegend Holzbalken als Baumaterial benutzt worden. In Folge des dort vorherrschenden feuchten Klimas haben sich keine Beispiele dieser Häuser erhalten. Im swanetischen Hochgebirge wurde die in Stein gebaute Turmarchitektur hingegen bewahrt. So finden sich heute noch einige hervorragende Beispiele dieser Architektur, deren in den letzten Jahren jedoch zunehmend gefährdet ist.

„Ein durch den Tourismus angetriebener Bauboom in Form von mehrstöckigen Hotels führt einer Vernachlässigung des Erhalts des mittelalterlichen architektonischen Erbes – mehr und mehr originale Architektur verfällt.“

Mit einem Verfall der architektonischen Zeugen swanischer Kultur ist aber die für Swanetien typische gesamte Kulturlandschaft bedroht, denn die traditionelle Architektur fügt sich auf so erstaunliche Weise in die Berglandschaft ein, dass sich bei manchem Besucher der Eindruck regt, sie sei aus dem Gebirge selbst erwachsen.

links: Außenmauer einer swanischen Festung in Murkmeli (Applis 2019), rechts: Ushguli um 1910 (Reproduktion einer Aufnahme auf einem Kalender des Georgischen Nationalmuseums)

Bis heute gibt es offene Fragen hinsichtlich der Bauweise der swanischen Türme und der Turmhäuser: So ist unklar, wie die teilweise sehr großen Steine zum Bauort geschafft wurden und mit welcher Technik sie aufeinandergeschichtet wurden. Unklar ist auch, ob und wie die hierzu nötigen statischen Berechnungen angestellt wurden. Für die Bewohner Swanetiens, deren Familienlinien eng mit den von ihnen bewohnten Gebäuden verbunden sind, sind diese offenen Fragen Anlass, sich über die Leistungen ihrer Vorfahren zu wundern. Diese Verwunderung drückt sich in einer Reihe von Redewendungen aus wie „Von Gott geschaffen, von Gott gemacht. Und doch von Menschenhand erbaut!“ Die ältesten swanischen Häuser datieren auf das 6. bis 7. Jahrhundert – im oberem Swanetien ist das Heschkili-Territorium hierfür ein Beispiel, in unterem Swanetien Lasga in der Nähe von Rzchmeluri.

„Von Gott geschaffen, von Gott gemacht. Und doch von Menschenhand erbaut!“ (Swanische Redewendung)

Außer mit der Bearbeitung des Gebirgssteines zu baulichen Zwecken befassten sich Swanen auch mit der Gewinnung von Eisenerz und deren Verarbeitung. Gebiete, innerhalb derer in Georgien seit Beginn der Besiedlung Eisen, Kupfer, und Bronze bearbeitet wurden, finden sich auf beiden Seiten des Großen Kaukasus. Schon im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung wurde in Swanetien Metallurgie betrieben, Rohgestein und Verarbeitungsprodukte wurden Hauptstadt der alten Kolchis geliefert.  In den Flüssen wurde Gold gewaschen, das als typisch für die Kolchische Kultur galt, innerhalb derer die Swanen auch als Wächter der nördlichen Grenze galten.

Im swanischen Machubi ist der Wohnraum („qor“) aufgeteilt nach seiner Funktion und den damit verbundenen Bedeutungszuweisungen (vgl. u. a. M. Chartolani, zur Lage der Feuerstelle „Kera“ in einem typischen Machubi an Beispielen aus den Gemeinden Ifari, Mestia, Zchumari, Ushguli im Blatt XX – B 1959 des Staatl. Museums Georgiens, S. 17-20). Die Aufteilung des Raumes ist von zwei Grundstrukturen geprägt:

  • Der Zentralraum ist von anderen Räumen durch eine Tür getrennt.
  • Der Zentralraum ist um eine Feuerstelle herum organisiert.

links: Fotografie von Vittorio Sella (Archiv des Georgischen Nationamuseums), rechts oben: Webstuhl aus einem Machubi in Ushguli (Applis 2018), rechts unten: Käsesieb aus einem Machibi in Ushguli (Applis 2018)

Die wichtigsten Bereiche des Machubi sind unterschieden nach ihrer Funktion:

  • „Lakulpha“ ist die Feuerstelle, in der immer Feuer brennt;
  • „Ka-Kerai“ ist die Feuerstelle, in der Feuer nur beim Brotbacken angezündet wird.
  • „Sgaa Kvelf//Kaveshgim//Lesuraal//Lamaara“ sind die Bereiche im Raum für die Frauen; von hier geht man durch eine Tür zum „Gvem“ – zum Ehebett, wo unter anderem auch Haushaltsgegenstände und alles Platz haben kann, was mit den Praktiken zu tun hat, die den Frauen zugeordnet werden.
  • „Qaa Kvelf//Leghujmaar//Kazchash“ wird die Männerseite im Wohnraum genannt, wo sich die Gebetsstelle „Lamsr Lachvra//Trbes“ und „Machvshi“, der Sitz für das Familienoberhaupt und/oxder eine lange Männerbank stehen; ferner Weingefäße, Waffen und Arbeitswerkzeuge liegen.

Die Einteilung des Wohnraums eines Machubi lässt sich von der Vorstellung eines Rechtecks her verstehen, in dessen Zentrum die Feuerstelle „Lakulpha“ oder „Kera“ liegt. An jeder beliebigen Kante des Rechtecks kann sich nahe der Ecke eine Eingangstür befinden, meistens aber liegt der Eingang an der Ostseite des Gebäudes. Rechts von der Tür liegen sich im Machubi stets die Stallplätze von Stieren und Ochsen, danach folgt an der zweiten Kante des Rechtecks der Kuhstall. Daran schließen sich die Frauenseite und weiter die Männerseite an der vierten Kante des Rechtecks an. Diese Reihenfolge wird fast nie verletzt. Gemäß dieser Reihenfolge sind Männer und Stiere oder Ochsen nahe beieinander, Frauen finden ihren Platz im hinteren Teil des Wohnraums nahe an den Stallplätzen der anderen Nutztiere. 

„Teilt man das Rechteck des Grundrisses durch Diagonalen in vier Teile, ergibt sich eine funktionale Aufteilung des Machubi, die zugleich eine Aufteilung nach den Aufgabenbereichen von Frauen und Männern darstellt.“ (Nino Tserediani)

Grundriss eines Machubi (Applis 2019)

Von der Feuerstelle aus betrachtet folgen die einzelnen Raumbestandteile einer bestimmten Ordnung: Rechts von der Feuerstelle befinden sich die Tür und die Männerseite, links die Frauenseite. Entsprechend folgt die Einteilung einem „Kreuz“. Bezieht man zusätzlich das vertikale Prinzip der Einteilung in Machubi im Erdgeschoß und Darbazi im ersten Stock und die entsprechenden Stützsysteme aus Balken mit ein, erhält man ein liegendes und ein aufrechtstehendes Kreuz innerhalb eines Rechtecks. Die beiden Kreuze formen so das Symbol der Ewigkeit.

Setzt man im Zentrum des Rechtecks einen Zirkel an, erhält man die Form des „Lemsiri“, des swanischen Brotes, das auch „Lamaria shilgne“ (deutsch „von Maria gesegnet“) genannt wird. Letzteres fungiert als „Frauenbrot“ oder auch „Opferbrot“ (Spendenbrot) an Gott innerhalb verschiedener religiöser Praktiken oder Rituale. Eine ähnliche Form haben auch andere, auf ihrer Oberfläche besonders gezeichnete Brote, welche „Dagi“ genannt werden. Jene werden nach einer Beerdigung auf die Trauertafel gelegt. So werden in der ersten Nacht des „Liphanaal“, dem Ritus zum Gedenken an die Verstorbenen deren Seelen als Gäste zu Tisch eingeladen. Innerhalb dieses Rituals werden sie als „Uphal Dalar“ und nicht als Verstorbene angesehen. Nach swanischer Vorstellung gelten die Verstorben in dieser als gottgleich. Gesegnet werden sie und die Personen und Familien, die den Ritus vollziehen. Die Lemsiri-Brote werden im Verlauf dieses Rituals zuerst als Opfer Gott zugehörig betrachtet, anschließend den Verstorbenen geopfert, am Ende gehören sie den Menschen, wenn diese die Brote nach Vollzug des Opferrituals verzehren.

„Am Aufbau des swanischen Wohnhauses und den sich darin regelhaft vollziehenden Praktiken lässt sich so nachvollziehen, wie sich nach traditioneller swanischer Vorstellung göttliche und menschliche Welt und auch die Welt der Toten innerhalb der Alltagspraktiken und der religiösen Praktiken zu einer gemeinsamen Welt vereinigen.“ (Nino Tserediani)

Im Historisch-Ethnografischen Museum Swanetiens werden viele Dagi–Muster (Ornamente) aufbewahrt und erhalten. Alle diese Ornamente enthalten sakrale, manchmal geheime Zeichen oder Symbole, deren Bedeutung uns heute nicht vollständig bekannt ist. Sie befinden sich an vielen Stellen der Inneneinrichtung swanischer Häuser, entweder in Stein gehauen oder als Holzschnitzwerk.

links: Keilornamente und symbolische Darstellungen auf einem letschundir in Latali; rechts oben: Männerbank in Barshi; rechts unten: stilisierte Darstellung eines Steinbocks an einem Vorratsschrank eines Machubi in Latali (Applis 2019)

Eines der häufigsten Ornamente wird in der Treibkunst als „Keilornament“ bezeichnet. Im Register des Historisch-ethnographischen Museums wird es unter dem Namen „Hebräisches oder semitisches Ornament“ geführt. Diese Eintragung stammt von Egnate Gabliani aus dem Jahr 1936, das Zeichen findet sich als Ornament auf den Dagi-Broten und kommt in ganz Georgien als Holzschnitzmuster vor.

„So repräsentiert das Zusammenspiel von Menschen, Naturraum und gebautem Raum, alles Tun darin und alles an Dingen, die in diesem Tun Verwendung finden, das traditionelle Weltbild der Bewohner Swanetiens.“ (Nino Tserediani)

Text: © Nino Tserdiani (2019)

Bilder: © Stefan Applis (2019)