Die Beispiele „Bulgaria Markt Europa“ und „Restaurant Gevsi“ zeigen, dass Essen und Lebensmittel eine wichtige Rolle für die ethnische oder nationale Identität spielen. Solche Geschäfte sind deshalb wichtige Orte für Menschen, die neu in einer Stadt sind. Beide Läden liegen nah beieinander und richten sich an Kundinnen und Kunden, die Bulgarisch, Türkisch oder Griechisch sprechen. Über soziale Medien machen sie zusätzlich Werbung und zeigen ihr Angebot. So werden sie auch außerhalb der Region bekannt und ziehen Menschen von weiter weg an. Obwohl sie nicht im Stadtzentrum liegen, gleichen sie das durch ihre Online-Präsenz aus – und profitieren außerdem von vergleichsweise niedrigeren Mieten.
Kenan Chasan Oglou ist 19 Jahre alt und leitet das Restaurant „Gevsi“. Seine Familie kommt aus dem Nordosten von Griechenland und hatte dort schon Erfahrung in der Gastronomie. Der Vater, Chasan Chasan Oglou, arbeitete früher in einem Kiosk in der Stadt Komotini. Die Mutter hatte dort einen kleinen Imbissstand, an dem sie typisches Gebäck aus der Region verkaufte. Im Jahr 2017 zog die Familie nach Deutschland. Der Vater arbeitete dann in verschiedenen Firmen, zum Beispiel als LKW-Fahrer. Die Kinder gingen zur Schule und machten deutsche Schulabschlüsse. Als Kenan volljährig wurde, entschied sich die Familie, nicht mehr in unsicheren Jobs zu arbeiten. Stattdessen wollten sie sich in der Gastronomie selbstständig machen, weil sie in diesem Bereich schon viele Erfahrungen aus Griechenland hatten. Kenans zwei Schwestern begannen in dieser Zeit eine Ausbildung.
Dass sie im Einkaufszentrum der Innenstadt kein Ladengeschäft finden konnten, erwies sich im Nachhinein als glücklicher Umstand, da das Geschäftsmodell, für das sie sich entschieden, nicht unbedingt einen zentralen Standort benötigt. Einerseits liegt der Laden in unmittelbarer Nachbarschaft der Wohnungen vieler türkischsprachiger Griechen, die das ihnen vertraute Gebäck im „Gevsi“ erhalten, andererseits konnte die Familie den Laden selbst von Grund auf renovieren und an ihre Bedürfnisse anpassen zu einer vertretbaren Ladenmiete.

Kenan Chasan Oglou ist der Kopf des Familienunternehmens. Er versteht es, das besondere Angebot des „Gevsi“ online zu vermarkten, wobei TikTok die wichtigste Plattform ist, er bespielt aber auch Instagram und Facebook mit dem, das an griechischem Gebäck interessierte Kundschaft an kaum einem anderen Ort in Deutschland erhält, so dass Kunden bereits aus Köln, Frankfurt, Berlin, Düsseldorf und Duisburg angereist seien, z. B. im Rahmen eines Familienausflugs, um bei ihnen zu essen – die von ihm zusammengestellten, auf verschiedenen Anlässen wie den Valentinstag oder den „Black Friday“ angepassten Videos auf TikTok erreichen bis zu 80.000 Klicks. „Wir machen etwas, das es nirgendwo sonst in Deutschland gibt“, erklärt Kenan, „das ist unser Geheimnis. Wir bekommen alles aus Griechenland geliefert, unsere Getränke und unsere Backwaren, die Pizzen machen wir selbst auf griechische Art mit einer besonderen Soße, die meine Mutter herstellt und die unsere Kunden lieben. Für uns war immer klar, dass wir griechische Küche anbieten müssen, die es sonst nicht gibt in Fürth. Unser Lieferant ist ein großer Hersteller von Backwaren aus Griechenland und wir sind sein einziger Kunde in Deutschland. Wir haben deshalb drei große Kühlschränke mit Gefriereinheiten, um die großen Lieferungen unterzubekommen“ Einerseits hätten sie, erzählt er, also Kunden, die in der unmittelbaren Umgebung leben, hierzu zählen Griechen, Türkei, Deutsche und andere Nationalitäten gleichermaßen, anderseits Kunden, die von weit anreisen, um die ihnen vertrauten herzhafte und süßen Backwaren zu bekommen. Auch wenn sie jetzt schon fast zwei Jahre an diesem Standort sind, kommt fast jeden Tag jemand in den Laden, um seine Begeisterung darüber auszudrücken, dass es so ein Geschäft gebe. Kommen die Kunden von besonders weit her, bekämen sie die Getränke immer umsonst dazu, erzählt Kenan: „Und die Leute sind immer zufrieden: Sie sagen dann so etwas wie ‚Mein Gott, ich fühle mich wie in Griechenland!‘ Und das macht natürlich Spaß. Und es ist eben unser Geschäft und wir sind von niemandem abhängig. Das ist das Beste!“
Der „Bulgaria Markt Europa“ und das „Restaurant Gevsi“ sind wichtige Knotenpunkte für Menschen mit Verbindungen in verschiedene Länder. Sie zeigen, wie vielfältig und komplex das Leben von Zugewanderten in der Ankunftsstadt ist. In diesen Orten wird deutlich, auf welche Weise verschiedene Herkunftskulturen gleichzeitig nebeneinander existieren und sich verändern.
Text: Stefan Applis (2025)
Fotos: Stefan Applis (2025)