Die historische Bedeutung der Wolle in Tuschetien

Wolle als natürlicher tierischer Rohstoff, der sich Jahr um Jahr erneuert, verknüpft die tuschetischen Winterweiden in der georgischen Flachlandprovinz Kachetien und das tuschetische Hochland in vielerlei Hinsicht. Die Hervorbringung der Wolle als ein aus der Koexistenz von Tieren und Menschen entstehendes Produkt ist an zeit-räumliche Stadien gebunden, die jeweils besondere Herausforderungen mit sich bringen: den Auf- und Abtrieb der Tiere, den Transport der Wolle, ihre Reinigung und Verarbeitung und schließlich ihren Verkauf.

Im 16. Jahrhundert waren die Tuschen von den Königen in Kachetien als Schafzüchter hochgeschätzt, hauptsächlich wegen der aus der Schafzucht resultierenden Wollproduktion. Dies förderte einerseits die Beziehungen der Tuschen zu den Märkten der Ebenen und andererseits den Zugang der Schäfer zu Weideflächen außerhalb ihrer Heimatregion. Seit dem 18. Jahrhundert expandierte die tuschetische Wollproduktion, insbesondere aufgrund der Nachfrage in Russland zur Ausstattung der zaristischen Armeen. In der Sowjetzeit war die in Tuschetien erzeugte Wolle phasenweise so wichtig, dass sie mit dem Hubschrauber aus den Bergen abtransportiert wurde. Schafzucht wurde in der Sowjetrepublik Georgien zu einem Monopol der Region Tuschetien, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Intensität der Schafszucht der Region. Die Wirtschaftskrise der 1990er Jahre, der Verlust des früheren sowjetischen Marktes und eine weltweite Neuordnung des Wollmarktes führten zu einer völligen Umstrukturierung der georgischen Schafzucht. Die Folge waren ein erheblicher Rückgang der Produktion, ein Wegfall staatlicher Beihilfen und ein rascher Verfall der für die Schafwirtschaft nötigen Infrastruktur. Während im Georgien der 1980er Jahre bei vier Millionen Einwohnern etwa zwei Millionen Schafe gehalten wurden, waren es 2014 nur noch 850.000, davon 620.000 Tiere in der Region Kachetien, in der die Tuschen die wichtigsten Züchter und Tierhalter sind. Da die Produktionskosten fortan stetig den Verkaufspreis überstiegen, verschwand die georgische Wolle vom internationalen Markt und wurde nur noch in kleinem Umfang für den lokalen Markt und den Eigenbedarf produziert. Gegenwärtig wird ein erheblicher Teil der Wolle aufgrund der abgelegenen Lage der verarbeitenden Schafhütten, der Stromknappheit in den Bergen und der hohen Arbeitskosten verbrannt.

Veränderungen hinsichtlich der Nachfrage nach Wolle durch den Tourismus

Seit einigen Jahren weckt ein wachsender Tourismus das Interesse an lokalen Produkten und lokalem Handwerk und fördert damit den Kauf und die Verarbeitung von Produkten, die auf dem Rohmaterial Wolle basieren. Die Entwicklung einer wirtschaftlich rentablen Handwerkskette für Frauen in Tuschetien spielt daher eine wichtige Rolle bei der Entscheidung einiger Schäfer, der Wolle wieder Aufmerksamkeit zu schenken, anstatt sie zu vernichten. Die Produktion und der Verkauf von Wolle sind für sie nicht direkt wirtschaftlich rentabel – sie macht nur ein Prozent ihres direkten Einkommens aus und wird weiterhin mit Verlust produziert, da die Produktionskosten höher sind als der Ankaufspreis. Aber ihre kollektive Wertschätzung und die damit verbundene emotionale Aufladung wiegt für einige die wirtschaftliche Rentabilität auf. Der Preis für ein Kilo Wolle liegt ungefähr bei einem Lari (das entspricht etwa 25 Cent).

Die Schur gilt als schwierige Arbeit; sie erfordert viel Zeit und Konzentration, um das Tier ruhig zu halten und die Schere unter die dicke Schicht verfilzter Wolle zu führen, ohne es zu verletzen. Diese Tätigkeit findet mehrmals im Jahr statt: ein erstes Mal im Frühjahr vor dem Weidewechsel, um die Schafe auf die Straße und die Sommerhitze vorzubereiten; ein zweites Mal im Laufe der Sommermonate in Tuschetien. Nun werden nur die Schafe geschoren, die, weil sie trächtig waren oder ein Lamm hatten, vor dem Auftrieb nicht geschoren werden konnten. Die letzte Schur erfolgt im Spätsommer, um die Ankunft in den milden Klimazonen der Winterweiden zu erleichtern. Auf diese Weise werden zwei Arten von Wolle erzeugt: die dichte, graue Frühjahrswolle, die im Winter gewachsen ist, und die weichere, hellere Herbstwolle, die im Sommer gewachsen ist. Die Winterwolle, die nach der Frühjahrsschur auf den Winterweiden geerntet wurde, wird von den Hirten größtenteils verbrannt, da sie schmutziger und von schlechterer Qualität ist als die Sommerwolle und es teurer wäre, sie zu sammeln und zu transportieren, als mit einem Verkauf verdient werden könnte.

Die Sommerwolle, die im Hochgebirge geschoren wird, wird zwar auch manchmal vernichtet, ist aber generell von größerem Interesse für die Schäfer. Zum einen markiert die Herbstschur einen entscheidenden Schritt im Lebenszyklus der Jahreslämmer, mit der eine Statusänderung einhergeht. In den ersten Monaten ihres Lebens, von Februar bis September, werden Lämmer batkani genannt; nach ihrer ersten Schur werden sie zu tochli: Noch nicht ausgewachsen, nehmen ausgewählte Tiere dennoch bereits an der Fortpflanzung teil. Diese Phase markiert die Trennung der Lämmer im Herbst. Man unterscheidet zwischen den Tieren, die verkauft werden, und denen, die an der Reproduktion der Herde beteiligt sind. Letztere werden nun nach jungen männlichen Tiere (qotschi) und weiblichen Tiere (schischaki) unterschieden und voneinander getrennt. Der Moment der Schur ist also insofern von grund-legender Bedeutung, als er zwei Arten von Veränderungen markiert: Die erste betrifft das Tier, das vom geschlechtslosen zum reproduktiven Jungtier wird; die zweite betrifft die Wolle, die von einem tierischen Attribut zu einem eigenständigen, verarbeitbaren und verwertbaren Rohstoff wird.

Dank verschiedener privater und transnationaler NGO-Initiativen wird heute vermehrt Wolle aus der Herbstschur von den Schafhirten gesammelt und an einen Wollverarbeitungsbetrieb in Kwemo Alwani verkauft. Dieser Zwischenschritt der Verarbeitung fehlte bis vor kurzem in der von den Tuschen eingerichteten Produktionskette. Laut Dito Arindauli, dem Direktor des Betriebes, verkaufen nun 80 bis 90 Prozent der Schafhirten ihre gesamte oder einen Teil ihrer Sommerwolle an ihn. Bei der Frage nach Verkauf oder Verbrennung der Wolle geht es letztlich um den Zugang zur Weiterverarbeitung. In Alwani ist der Wollverarbeitungsbetrieb entscheidend, um einen Wertschöpfungsprozess in Gang zu setzen  – mit unmittelbaren Folgen für das gesamte Sozialsystem der Schafweidewirtschaft in Tuschetien. Der Betrieb schafft einerseits Arbeitsplätze für seine zehn Festangestellten, andererseits Einkommen für viele anderweitig beschäftigte Frauen in Tuschetien sowie Schafhirten, die ihre Wolle an ihn verkaufen.

In der Produktion und Weiterverarbeitung von Wolle wird sowohl der Bedarf der Tourismuswirtschaft nach folkloristischen Produkten bedient als auch das Interesse internationaler Entwicklungsorganisationen berücksichtigt, entlohnte Tätigkeit für Frauen und Männer zu schaffen, die zum Erhalt traditioneller Praktiken und einer nachhaltigen Bewirtschaftung der Hochgebirgsweiden beitragen. […]

Text: Gwendoline Lemaitre (2025)

Fotografie: Gwendoline Lemaitre (2025)

Literatur

  • Gogebashvili, Iakob, Mzia Maisuradze, Eka Kobiashvili und Nestani Kazarashvili (2021). The Relationship of Levan – The King of Kakheti  – towards the Population in the Mountains of Kakheti. HUMINO CONGRESS-Online International Conference. https://conferencious.com.
  • Kochlamazashvili, Irakli, Loredana Sorg, Beka Gonashvili, Nino Chanturia und Phatima Mamardashvili (2014). Value Chain Analysis of the Georgian sheep sector. Heifer Project International.
  • Le Galcher-Baron, Valérie (1994). La collectivisation du cheptel OVIN dans l’est de la Géorgie. Cahiers du monde russe: Russie, Empire russe, Union soviétique, États indé-pendants 35 (3): 683–701.
  • Shavkhelishvili, Bela (2011). The Tsova-Tushians in the Georgian Sociocultural World. Bilingual Scholarly Peer-Reviewed Journal Spekali, October. http://www.spekali. tsu.ge/index.php/en/article/viewAbstract/4/35.