Selbstständigkeit als Anpassung an Arbeitsbeschränkungen der 1990er Jahre

Tayfun Gündogdu kam 1990 nach Fürth als Ehemann in einer türkisch-deutschen Verbindung. Da dieser Zeit Zugwanderte kein Recht auf einen Zugang zum Arbeitsmarkt hatten, blieb ihm nichts anderes übrig, als den Weg in die Selbstständigkeit zu nehmen. Tayfuns Vater war Bauingenieur in der Türkei und betrieb als solcher ein Fuhrunternehmen. Er hatte seinem Sohn etwas Geld mitgegeben, um ihn beim Start in Deutschland zu unterstützen – Geld, das Tayfun gut gebrauchen konnte, da er nicht angestellt arbeiten gehen durfte. Da er aus der Türkei einen handwerksbezogenen Berufsschulabschluss mitbrachte, ergriff er alsbald die Chance zu einer informellen Lösung, die er zügig in eine formelle Lösung wandeln konnte. Er half einige Monate unbezahlt bei einem Schlüssel- und Schuhreparaturdienst mit, um sich einem Arbeitsfeld zu qualifizieren, bei dem einer Selbständigkeit in Deutschland weniger hohe Hürden gesetzt sind. Es ergab sich, dass der US-amerikanische Schuster, der in der damaligen PX (Post Exchange), dem Einkaufszentrum für Soldaten und ihre Angehörige, einen Schlüsseldienst nebst Schusterei betrieb, zurück in die USA zog. Tayfun Gündogdu kaufte ihm mit dem Geld des Vaters Maschinen, Werkzeug und die restliche Ausstattung ab, übernahm die Verträge, die jener mit der PX und verschiedenen US-Basen in Bayern hatte und reparierte fortan hauptsächlich US-Militärstiefel. Als 1995 die letzten Soldaten aus Fürth abgezogen und die Kasernen geräumt waren, hatte Tayfun seinen Laden längst in Richtung Innenstadt verlagert und begann Zug um Zug den Schlüsseldienst auszubauen. Heute betreibt er mit Stiefsohn Evrim Karahan aus seiner zweiten Ehe mehrere Läden als Familienunternehmen, zu dem nicht nur Schuhreparaturen, Stempel, Gravuren aller Art und Wohnungsschlüssel gehören, sondern auch weitere Dienstleistungen wie die Planung der Sicherheit ganzer Objekte und die Reparatur und Programmierung von Autoschlüsseln und Fernbedienungen.

Das Geschäft in der Innenstadt Fürths stellt einen festen Anker dar nicht nur für die Kundschaft, sondern auch für viele, die im Umfeld leben. Es liegt im Erdgeschoss eines vierstöckigen Mietshauses aus dem Jahr 1914, erbaut für einen Bäckermeister mit Bäckereigeschäft, heute der Laden von Tayfun Gündogdu; im Hinterhaus befindet sich der Verein der Türkischen Gemeinschaft Fürth, der 1977 gegründet wurde und sich der ganzen Bandbreite an sozialen, kulturellen, sprachlichen, und religiösen Bedürfnissen von in Fürth lebenden türkischen und muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern widmet. Auch viele Besucher der Gemeinderäumen sehen tagsüber bei Tayfun in den Laden, wo sie auf einen immer aufgeschlossenen und freundlichen Gesprächspartner treffen.

Evrim Karahan erzählt, dass er sich schon von Kindheit an ganz besondere Momente erinnere mit seinem Stiefvater, etwa als einmal ein Busfahrer hereinkam und dem Vater berichtete, dass er Kopfschmerzen hätte und ihn fragte, ob er ihm nicht helfen könne. Jener verschwand darauf im Hinterzimmer, kam mit einem Musikinstrument zurück und stimmte ein traditionelles türkisches Lied an. Der Busfahrer, der sein Unwohlsein nur gespielt hatte, kannte Tayfun Gündogdu nämlich als Instrumentalisten einer regional bekannten Musikgruppe und wollte ein wenig Musik hören. Es sei keine Seltenheit, berichtet Evrim Karahan weiter, dass auch andere Instrumentalisten während der Arbeitszeit einmal kurz vorbeikämen, um ein paar Töne zu spielen – das gehöre hier dazu und die Kundschaft freue sich immer darüber.

„Fürth ist wie mein Dorf“, sagt Tayfun Gündogdu lachend, „ich kenne hier so viele Menschen, manche Kunden sind für mich wie Verwandte, so gut, habe ich das Gefühl, kenne ich sie. Und der Laden ist wie mein Theater. Jeden Tag haben wir hier Spaß, es ist nie langweilig. Es fühlt sich einfach alles richtig an hier.“

Für die Tätigkeiten, die sie in den Läden ausüben, erklärt Evrim Karahan, gebe es in Deutschland keine Ausbildung in der Weise, wie man das von anderen Berufen her kenne. Manche kämen vom Beruf des Industrieschlossers her, das sei aber nur ein Teil der Tätigkeit: „Ein Schlosser macht eben nicht nur Schlüssel. Ein Schlüsseldienstler muss viele Zertifikate machen, die er bei den großen Schlüsselherstellern in Deutschland erwerben kann, die Tagesschulungen anbieten. Dort machst du dann verschiedene Seminare. Z.B. gibt es Seminare für zerstörungsfreies oder zerstörungsvolles Öffnen von Türen und andere.“ Das sei einerseits ein Vorteil für Migranten, weil sie schneller ein Zertifikat zum Anmelden eines Schlüsseldienstes erwerben können, andererseits bringe es aber auch Nachteile mit sich, weil nicht jeder Anbieter eines Schlüsseldienstes dieselben Qualifikationen mit bringt und das für den Kunden nicht unbedingt erkennbar ist. Die Selbständigkeit sei, fasst Evrim Karahan zusammen, etwas ganz Typisches für die zweite Generation der Gastarbeiter. Auch in der Musikgruppe seines Vaters ist es so, der eine hat eine kleine Firma für Bauarbeiten, der nächste ein Musikgeschäft, ein anderer ist Autohändler und sein Vater ist eben Schuster.

Text: Stefan Applis (2025)

Fotografie: Stefan Applis (2025)