Die Geschichte der Lager – Lange Zeit der blindere Fleck

Seit 1935 entstand am südlichen Ende des Geländes ein großflächiges Teilnehmer-Lager. In Altenfurt befand sich das Zeltlager für die Mitglieder der SS, das über die Jahre durch zusätzliche Bauten wie eine Sanitätsbaracke oder Sanitäreinrichtungen erweitert wurde[1]

Im heutigen Industriegebiet Altenfurt erinnert wenig an seine Vorgeschichte als nationalsozialisti­sches Lager. Bei genauerem Hinsehen fällt der schurgerade Baumbestand auf, der das Gelände durchzieht und der Hauptachse des damaligen SS-Lagers entspricht. Nur wer genauer hinschaut, bemerkt die streng rechtwinklige Glie­derung der Straßen oder das im Umfeld der Industriebauten aus der Zeit gefallen wirkende Backstein­gebäude, das heute vor allem der Firma Boesner, einem Geschäft für Künstlerbedarf, als Warenlager dient.

Der folgende Textausschnitt entstammt der am 1. November 2024 erschienenen Publikation "Das Reichsparteitagsgelände im 21. Jahrhundert. Transformationen Nationalsozialistischer Räume" von Stefan Applis, Ingmar Reither und Richard Rongstock. Erstmals bildet in diesem Kontext die zweite Geschichte des früheren Nürnberger Reichsparteitagsgeländes (ab 1945) – anschaulich illustriert und nach erinnerungskulturellen Kriterien erforscht – den Mittelpunkt einer umfangreichen Publikation: Dabei werden an den Gebäuden und in der Fläche sichtbare Spuren von jahrzehntelangen Aneignungen, Umnutzungen oder Tilgungen in Bezug gesetzt zur ursprünglichen Funktion und Nutzung des Geländes durch das NS-Regime.

 Das Buch umfasst neben themenspezifischen Erläuterungstexten ca. 200 ausnahmslos unveröffentlichte Farbabbildungen, auch aus nicht öffentlich zugänglichen Räumlichkeiten.

Die „andere Geschichte“[2] des Ortes beginnt sehr früh: Auf dem „Reichsparteitag Großdeutschland“ 1938, wurde nicht nur der „Anschluss“ Österreichs gefeiert, sondern auch die Eingliederung von Teilen der Tschechoslowakei gefordert, welche im Oktober des gleichen Jahres mit der Besetzung des „Sudetenlands“ tatsächlich erfolgte. In der Folge entführten und verschleppten sudetendeutsche Freikorps hunderte von tschechischen Beamten und übergaben sie der Wehrmacht. Diese funktionierte das noch bestehende SS-Lager in ein erstes improvisiertes „Internierungslager“ um[3].

Im folgenden Jahr legten die verantwortlichen Wehrmachtsstellen fest, dass diese Nutzung als Inter­nierungslager im Kriegsfall für ausländische Staatsbürger, die sich auf dem Reichsgebiet befinden und aus unterschiedlichen Gründen als verdächtig gelten, fortgesetzt werden sollte. Bei Kriegsbeginn al­lerdings zog die SS-Führung ihre Bereitschaft zur Überlassung des Lagers zurück, so dass die internier­ten „feindlichen Ausländer“ und noch sehr viel mehr Zivilist*innen aus dem besetzten Polen in das für den abgesagten „Reichsparteitag des Friedens“ errichtete Zeltlager der Wehrmacht gebracht wurden[4].

Hintergrund dieser Umplanung war möglicherweise der Wunsch, das Lager weiter auszubauen. So wurde im Au­gust 1939 – etwa zum Zeitpunkt der Absage – dem Zweckverband Reichsparteitag Nürnberg der Bau der Gästebaracke auf dem SS-Lager genehmigt, des bereits erwähnten Backsteinbaus in der heutigen Sprottauer Straße 39[5]. Trotz Kriegsbeginn muss der Bau stringent vorangetrieben worden sein, denn be­reits im Januar 1940 erhielt das Gebäude die polizeiliche Hausnummer Regensburger Straße 622[6].

Ab 1943 wurde das Lager der Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg (MAN) zur Unterbringung von Zwangsarbeiter*innen überlassen. „In den Baracken des SS-Lagers Fischbach“, so schreibt der verantwortli­che SA-Kommandant an den Zweckverband Reichsparteitag Nürnberg, „sind durchschnittlich 1000 bis 1100 ausländische Arbeiter, welche bei der Fa. M.A.N. beschäftigt sind, untergebracht“[7]. Die Lebens­bedingungen der Arbeiter werden nur indirekt deutlich: In dem Schreiben wird beklagt, dass die fran­zösischen und italienischen Zivilarbeiter heimlich Bretter der Lagerbaracken zum Kochen verfeuerten und „Holz aus dem umliegenden Wald frevelten“[8].

In der Nachkriegszeit erfolgte eine neue Umnutzung des Geländes: Im November 1951 wird die Flä­che „nördlich des Kirchenwegs in Fischbach, begrenzt durch die Bahnlinie Nürnberg-Regensburg“, der Gemeinde Fischbach für eine Industrieansiedlung übertragen[9].

Auch die nie als solche genutzte Gästebaracke des SS-Lagers erfährt in dieser Zeit eine erneute Um­nutzung: Im Januar 1952 bittet die Firma Peterreins, Schalterbau, um Genehmigung der für ihren Betrieb nötigen An- und Umbauten. Während dieser Bezug in späterer Zeit sowohl aus amtlichen Schreiben als auch aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet, ist in den 1950er-Jahren beispielsweise noch offen vom „Umbau des früheren SS-Fischbachlagers“[10] die Rede. Trotz mehrerer Umnutzungen entspricht das Äu­ßere der Baracke bis heute den Bauzeichnungen von 1939.

Neben der SS (Schutzstaffel) besaßen auch RAD (Reichsarbeitsdienst), SA (Sturmabteilung), NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrerkorps), HJ (Hitlerjugend) und die Wehrmacht große Zeltlager und Massenquar­tiere. Das größte dieser Lager, das der SA, ist heute fast nur noch auf dem Stadtplan zu erkennen: Achsen, Versorgungsstraßen und Begrenzungen bilden sich in den Straßen des heutigen Stadtteils Langwasser ab. Für Siegfried Zelnhefer verweisen die Strukturen des SA-Lagers auch bereits auf die Ambivalenz des totalitären Systems – auf Gemeinschaftsgefühl und Terror in ähnlichen Formen: „Die dis­zipliniert geometrische Ausrichtung der Anlage erinnert auffällig an die ersten Konzentrations­lager der Nationalsozialisten auf deutschem Boden. Die Ähnlichkeit ist Zeitgenossen nicht aufgefallen, würde sie auch gar nicht verwundert haben. Der SA-Mann wähnte sich behütet, er war eins mit dem Regime, er stand auf der richtigen Seite“[11].

[…]

Text: Richard Rongstock/Mitteldeutscher Verlag Halle (2024)

Fotografie: Stefan Applis/Mitteldeutscher Verlag Halle (2024)


[1] Vgl. Stadtarchiv Nürnberg, C 32/II Nr. 546, 554, 559.

[2] Zum Begriff der „anderen Geschichte“ vgl.: Dierl, Florian/Leßau, Hanne; „Ein Bild des Grauens und Schreckens“. Eine andere Geschichte des Reichsparteitagsgeländes; in: GedenkstättenRundbrief 194 (6/2019); S. 14 –23.

[3] Vgl. Hanne Leßau, Gefangene auf dem Reichsparteitagsgelände – Die Entwicklung des Kriegsgefangenenwesens im Wehrkreis XIII, 1938-1940, in: Hanne Leßau, Das Reichsparteitagsgelände im Krieg – Gefangenschaft, Massenmord und Zwangsarbeit, Petersberg 2021, S. 68

[4] Vgl. Ebd.

[5] Verfügung vom 16. August 1939, Städtisches Bauarchiv Nürnberg 631800.

[6] Vgl. Schreiben an den Zweckverband Reichsparteitag Nürnberg vom 08.01.1940, Städtisches Bauarchiv Nürnberg 631800.

[7] Stadtarchiv Nürnberg, C32l_1193_1, zitiert nach: Hanne Leßau, Das Reichsparteitagsgelände im Krieg – Gefangenschaft, Massenmord und Zwangsarbeit, Petersberg 2021, S. 126.

[8] Ebd.

[9] Vgl. Stadtarchiv Nürnberg, C63 Nr. 21.

[10] Schreiben des Architekten Georg Reichert an die Bauordnungsbehörde Nürnberg vom 9. April 1952, Städtisches Bauarchiv Nürnberg 631800.

[11] Siegfried Zelnhefer, Die Reichsparteitage der NSDAP in Nürnberg, Nürnberg 2002, S. 149.