Der Kanuverein Nürnberg im Kongressbautorso
Ein Teil des größten Baurelikts auf dem früheren Reichsparteitagsgelände in Nürnberg wird aktuell von einem privaten Träger genutzt, dem 1922 gegründeten Kanu Verein Nürnberg. Seit 1960 waren dem Verein verschiedene Türme des Zeppelinaufmarschfeldes zur Verfügung gestellt worden. Dann erfolgte ab 1964 der Ausbau von Räumen, Gängen und Schächten des südöstlichen Kopfbaus als „Bootshaus“, nur wenige Meter vom Nürnberger Dutzendteich entfernt.
Der folgende Textausschnitt entstammt der am 1. November 2024 erschienenen Publikation "Das Reichsparteitagsgelände im 21. Jahrhundert. Transformationen Nationalsozialistischer Räume" von Stefan Applis, Ingmar Reither und Richard Rongstock. Erstmals bildet in diesem Kontext die zweite Geschichte des früheren Nürnberger Reichsparteitagsgeländes (ab 1945) – anschaulich illustriert und nach erinnerungskulturellen Kriterien erforscht – den Mittelpunkt einer umfangreichen Publikation: Dabei werden an den Gebäuden und in der Fläche sichtbare Spuren von jahrzehntelangen Aneignungen, Umnutzungen oder Tilgungen in Bezug gesetzt zur ursprünglichen Funktion und Nutzung des Geländes durch das NS-Regime.
Das Buch umfasst neben themenspezifischen Erläuterungstexten ca. 200 ausnahmslos unveröffentlichte Farbabbildungen, auch aus nicht öffentlich zugänglichen Räumlichkeiten.
Damit kann ein breites Lesepublikum Kenntnisse insbesondere zur facettenreichen zweiten Geschichte des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes erwerben

Der Kongressbau wurde während der NS-Zeit mit einem nordwestlichen und einem südöstlichen Kopfbau an den beiden Enden des hufeisenförmigen Mauerrings ausgestattet. Eine Metalltür im menschlichen Maßstab führt in den südöstlichen Kopfbau. Dort und im unmittelbar angrenzenden Mauerring befinden sich heute unter anderem viele unterschiedliche Sportgeräte.
Nach den engagierten und zum Teil improvisationsfreudigen Umbaumaßnahmen – für die Heizungsrohre wurden beispielsweise Teile ausrangierter Dampflokomotiven organisiert – dienen die Räume bis heute als Lager für Boote, als Vereinsheim und als Trainings- und Schulungsstätte. Die Umnutzung wird so zu einer Form der zivilgesellschaftlichen Aneignung, die eigene Räume schafft für soziale Praktiken, die in Verbindung stehen mit der ursprünglichen Bestimmung des Geländes am Nürnberger Dutzendteich.



Bevor nämlich die Nationalsozialisten den Außenraum für sich beanspruchten, war dieser jahrhundertelang in unterschiedlicher Art und Weise durch die Anziehungskraft des Wassers geprägt. Vorindustrielle Mühlen hatten hier ebenso ihren Standort wie aquatische Freizeitvergnügen. Doch nicht von Dauer: Eine Badeanstalt aus dem späten 19. Jahrhundert wurde durch die NS-Bauarbeiten ebenso beseitigt wie ein Leuchtturm am Ufer des Dutzendteichs. Während der Reichsparteitage fanden paramilitärische Schwimmwettkämpfe im Stadionfreibad statt, in Uniform und mit Tor-nister. Mit den Bauarbeiten für das Deutsche Stadion gelangten die NS-Machthaber in den 1930er Jahren nicht über den Aushub einer Teilbaugrube hinaus, in der sich Wasser sammelte: Der heutige See ist vergiftet, weil in der Nachkriegszeit hier auch toxischer Unrat entsorgt wurde. Baden ist strengstens verboten. Warnhinweise auf einem Schild am Ufer sind nicht zu übersehen.
Ungeachtet der Militarisierung von manchen Sportarten und -veranstaltungen in der NS-Zeit und der anschließenden Toxizität der Baugrube – oder gerade deswegen – ist die Tradition des „Sport- und Erholungsgeländes“1 seit einigen Jahrzehnten von großer Bedeutung. Sie findet sich heute in der demokratischen Nutzungsvielfalt auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände unter dem Motto „Rückgewinnung für Freizeit und Sport“2 wieder. Und dies nicht nur, aber vor allem auch in Wassernähe oder im nassen Ele-ment: Spaziergänge durch ausgeschilderte Biotop-Zonen, Rudern, Tretboot fahren, Schwimmen und Turmspringen im Stadionbad aus den 1920er Jahren. […]
Text: Ingmar Reither & Richard Rongstock (2024), Mitteldeutscher Verlag Halle, alle Rechte vorbehalten (c)
Fotografie: Stefan Applis (2024), Mitteldeutscher Verlag Halle, alle Rechte vorbehalten (c)
Fußnoten