Bei dem folgenden Text handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem 2024 beim Mitteldeutschen Verlag Halle erscheinenden Reiseführer "Tuschetien entdecken", der in gemeinsamer Autorenschaft des Ethnologen Florian Mühlfried und des Geographen Stefan Applis verfasst wird. Der Kultur- und Naturreiseführer leistet in deutscher Sprache erstmals eine fast vollständige Darstellung der Architektur der Dörfer der Hochgebirsgregion. Die Ausführungen stützen sich auf die Arbeiten verschiedener georgischer Anthropologen und Architekten. Zeitlich an erster Stelle steht hierbei die Arbeit von Sergi Makalatia (1893-1974), der in den 1920er und 1930er Jahren in Tuschetien und Chewsuretien arbeitete, die Architekturzeichnungen in seinem 1933 zu Tuschetien veröffentlichten Buch stammen von Ucha Japaridze, Rene Schmerling und Dawit Tsitsischwili. Engen Bezug wird auch auf die Arbeiten Longinas Sumbadzes (1948-2021) genommen, der, ausgehend von früheren Expeditionen nach Tuschetien in den 1974er Jahren eine grundlegende Erfassung der Wohngebäude vornahm und durch die fotografische und zeichnerische Arbeit seines Sohnes Nodar Sumbadze unterstützt wurde. Ergänzend wurden Zeichnungen und Skizzen als Grundlage für die neu angefertigten Abbildungen verwendet aus der 2018 nur auf Georgisch erschienenen, von Irine Elisbaraschwili, Manana Suramelaschwili und Tsitsino Zschachkhunaschwili herausgegebenen Überblicksarbeit Befestigte historische Siedlungen Georgiens im nördlichen Hochland; letztere sammelt ältere und aktuelle zeichnerische Darstellungen der Architektur Tuschetiens.

Die Anlage der Siedlungen im Hochgebirge Tuschetiens

Die meisten befestigten Sommersiedlungen in Tuschetien wurden an lawinensicheren, sonnenexponierten, felsigen Hängen angelegt, die es im Falle eines Angriffs erleichterten, die Siedlung geschlossen zu verteidigen. Während im sogenannten Freien Swanetien die Dörfer, innerhalb derer jede Familiengemeinschaft über einen Wehrturm verfügt, eher locker organisiert waren, ist in den alten Dörfern Tuschetiens durchweg der Versuch zu erkennen, eine möglichst kompakten Siedlung zu errichten, um bei einem Angriff Frauen und Kinder in den fünf- bis sechsstöckigen Bauten zu evakuieren. Deren Dächer weisen zwei Formen auf – eine stufenförmige Pyramidenstruktur (sipediani) aus Stein, wie sie in den Pirikiti-Tälern zu finden ist und ein flaches, einseitiges Dach aus Holz, wie man es in den Tälern von Tschaghma, Gometsari und Tsowata findet.

Von den Türmen aus wurde die Bevölkerung vor dem Auftauchen eines Feindes gewarnt. In den Türmen war die erste Etage oft für Gefangene bestimmt und diese schmale Etage war nur von oben zugänglich. Kinder und Frauen konnten sich in den mittleren Stockwerken verstecken, während die Stockwerke, die der Verteidigung dienten, die mit Schießscharten (satopuri) ausgestattet waren. Das letzte Stockwerk besaß eine Art steinernes Vordach (salode) genannt, von dem aus Steine auf die Feinde geworfen werden konnten. Nicht selten waren diese Verteidigungsanlagen von einer hohen Mauer umgeben. Während eines feindlichen Angriffs sollten hier Menschen und Güter Zuflucht geschaffen werden. Die Festungen Omalo, Indurta und Diklo besaßen allesamt hohe Mauern, von denen noch einige Ruinen erhalten sind. […] Basierend auf den Forschungen des Architekten Longinas Sumbadse werden im Folgenden drei Haustypen unterschieden, die auch heute noch in den Bergen Tuschetiens zu finden sind.

Das tuschetische Festungshaus

Das Festungshaus erreicht nicht die Höhe der Wehrtürme. Es ist wie jedes Gebäude in Tuschetien aus geschichtetem Tonschiefer errichtet, wobei in der Regel auf Mörtel verzichtet wird – die Ausnahme bilden die Pirikita-Wehrtürme mit ihren pyramidenförmigen Stufendächern. Die symmetrische hohe Frontfassade des Festungshauses ist zum Abhang hin und damit frontal gegen sich annähernde Feinde gerichtet. Die Dicke der Mauern beträgt an der Basis 90-100 cm und verringert sich nach oben hin auf 60-65 cm. Wegen der kalten Winter wurden die Mauern an den Innenseiten verputzt, die Tiere verbrachten den Winter im Erdgeschoss der Häuser, um deren Körperwärme zu nutzen. Fensteröffnungen wurden sowohl wegen der Winterkälte als auch aus Verteidigungsgründen schmal gehalten. […]

Manche Festungshäuser besitzen ein teilweise offenes Dachgeschoss (tschercho) mit einem das Dach stützenden Sockel, auf dem der Dachfirst ruht, andere hoch an den Mauern hängende Erker. Die tschercho beherbergte nicht nur Munition und Waffen zur Verteidigung, sondern war häufig auch mit einer lukenartigen Überdachung ausgestattet, die die Öffnungen abdeckte (tschardachi) und aus der Steine geworfen und kochendes Wasser auf den Feind geschüttet werden konnte. Später, als in friedlicheren Zeiten die Notwendigkeit zur ständigen Verteidigungsbereitschaft entfiel, wurden diese Dachgeschosse als Lagerflächen genutzt. […]

Das Übergangshaus

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine Art Übergangshaus mit hölzernen Galerien oder Balkonen, mehreren Zimmern und zwei oder drei Stockwerken. Der Architekt Longinas Sumbadse verwendet diese Bezeichnung einerseits für Festungshäuser, die durch die oben genannten Anbauten geöffnet wurden in einer Zeit, als sich die großen Familiengemeinschaften auflösten und die friedlichere Zeit keine Verteidigungsanlagen mehr erforderte. Andererseits entstanden neue Gebäude, die weiterhin, dem Bauplan des traditionellen Festungshauses folgend annähernd quadratisch waren, aus geschichtetem Schiefer gebaut, doch mit breiteren Fensteröffnungen versehen wurden.

Den wichtigsten Unterschied liegt nach Sumbadse darin, dass es ein echtes Dachgeschoss hatte, welches ist nicht als Verteidigungsplattform gedacht war, sondern vollständig für landwirtschaftliche Zwecke genutzt wurde und vor allem der Lagerung von Futter für die mit Getreide gefütterten Nutztiere diente. Zudem wurde in diesen Gebäuden das Erdgeschoss nicht mehr als Stall für das Vieh, sondern als Wohn- oder Arbeitsfläche genutzt. Entsprechend wurden andere Gebäude in reine Ställe umgewandelt. […] Zu den wichtigsten Merkmalen dieses Übergangshauses gehören: der Ersatz der offenen Feuerstelle durch einen Kamin oder einen Eisenofen; der Ersatz der schmalen Fenster durch etwas größere, verglaste Fenster in begrenzter Zahl; die Aufteilung des Raums in einzelne Zimmer; ein Balkon mit Holzgeländer, über den eine Stein- oder Holztreppe das Wohnzimmer mit dem Hof verbindet; die Anordnung von Holzfußböden und verputzten Decken; die Trennung von Wohnung und Scheune. […]

Das Bosseli-Haus oder Stallhaus

Der von Lombadze identifizierte dritte Haustyp ist ein langgestrecktes, zweigeschossiges, mehrräumiges Scheunenhaus mit Galerie. Jenes unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von den älteren Häusern. Das Haus wurde um 90 Grad gedreht und steht waagrecht am Hang und hat eine langgestreckte Fassade mit einer hölzernen Galerie, die die Ansicht des Gebäudes bestimmt. Die Fensterflächen sind bei diesem Haus deutlich vergrößert, die Fassade ist verputzt, und die Holzbalkone sind oft gestrichen.

Das Erdgeschoss dieser Häuser wird häufig als Scheune und zur Lagerung von Lebensmitteln und anderen Vorräten genutzt, wobei sich gelegentlich auch hier Wohnräume befinden. In der Regel liegen diese jedoch im darüber liegenden ersten Stockwerk. Diese Häuser sind in Folge der in Friedenszeiten erfolgten Neu- und Umbauten prägend für die Wintersiedlungen (boslebi) der zugehörigen Dörfer. […]

Das Scheunenhaus

Das Scheunenhaus stellt die ältere und kleiner Variante des in den Wintersiedlungen verbreiteten Haustyps, der Wohnen und landwirtschaftliche Funktionen vereint dar. Die zweistöckige Haus-Scheune, in der im Sommer niemand wohnte, weil die Familien in die höher gelegenen Hauptsiedlungen zogen, war nicht zur Verteidigung im Falle eines feindlichen Angriffs gedacht. Das Erdgeschoss dieses Hauses war in der Regel in zwei Teile unterteilt und diente gleichzeitig der Unterbringung des Viehs im Winter und der Unterbringung von Familienmitgliedern, hauptsächlich der Frauen. […]

Kultbauten

In der Nähe tuschetischer Siedlungen finden sich außer Wohn- und Verteidigungsbauten mit tuschetischen Dörfern auch verschiedene Kultbauten. Zum einen wurden außerhalb der Dörfer Gemeinschaftsgräber (akldama) mit zweiseitigen Schieferdächern errichtet, wo die Toten in schlichte Leichentücher (sudara) gehüllt zur Ruhe gebettet wurden. In Zeiten der Pestepidemie suchten diese Häuser auch Erkrankte auf, um dort zu sterben. Zu den Kultbauten zählen auch die sogenannten Schreine, die oft aus kleinen, aus Schieferplatten aufgeschichteten Türme bestehen, in denen Fahnen und andere Kultgegenstände aufbewahrt wurden; neben den Schreinen werden die Hörner von Opfertieren aufgehäuft, zur Durchführung der religiösen Feste wird rituelles Bier gebraut – die entsprechenden Hütten sind nur Männern zugänglich. […]

Der 2024 beim Mitteldeutschen Verlag Halle erscheinende Reiseführer "Tuschetien entdecken" ist der Nachfolgeband zu dem 2021 erschienenen Reiseführer "Swanetien entdecken";  beide Reiseführer verbinden geographische und ethnographische Perspektiven auf Basis des aktuellen Forschungsstandes zu den jeweiligen Regionen.

Text: (c) Stefan Applis (2023)

Zeichnungen & Fotografie: (c) Stefan Applis (2023)

Lesetipps:

Sergi Makalatia (2022). Tusheti. Folk Traditions. Artanuji Publishing. Georgien. Neuauflage des Buches von 1933. https://www.artanuji.ge/book.php?id=570

Longinaz Sumbadze (2023). Folk Architecture of the Caucasus: Tusheti. Herausgegeben von Nana Sumbadze, Nodar Sumbadze, Maya Sumbadze und Jesse Vogler. Georgien. Erstauflage der gesammelten, bisher unveröffentlichten Arbeiten.