Erbrecht und Landverteilung in Swanetien folgen immer noch traditionellen Rollenvorstellungen
Der auf Chaikhana veröffentlichte Kurzfilm "Meine Nachbarin Ana" gibt einen kleinen Einblick in die für Swanetien gegenwärtig typischen Konflikte an der Bruchlinie zwischen Moderne und Tradition. Diese Konfliktlinien verlaufen nicht nur zwischen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, wie der Film dem Publikum suggerieren mag. Dahinter verbergen sich viel komplexere soziale und wirtschaftliche Probleme, für die es noch keine tragfähigen Lösungen gibt. Sie stellen eine ständige Bedrohung für den sozialen Frieden und die wirtschaftliche Sicherheit in der Region dar. Und sie erschweren es den Frauen, trotz moderner Veränderungen als gleichberechtigte Partner anerkannt zu werden.
Der Konflikt in „Meine Nachbarin Ana“ von Mariam Khachvani
Der Kurzfilm „Meine Nachbarin Ana“ von der in Uschguli geborenen georgischen Regisseurin Mariam Khachvani öffnete ein Fenster in eine Welt, die für viele schwer zu verstehen ist. Der Film ist ktuell nicht verfügbar auf Youtube, weil die Regisseurin an einem Spielfilm zum selben Thema arbeitet – es gibt aber auf facebook ein Interview mit der Protagonistin über ihren Fall (s. u.). Da es in ihrer direkten Familienlinie keinen männlichen Erben gibt, möchte die 22-jährige Ana das Haus ihrer Familie in dem Dorf Chvibiani in Uschguli registrieren lassen. Sie möchte ein Gästehaus eröffnen, damit sie genug Geld verdient, um sich ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. Anna träumt von einem Gesangsstudium und Mariam Khachvani lässt in ihrem Film viel Raum, um zu zeigen, dass Ana sehr talentiert ist und hart arbeitet, um ihre Ziele zu erreichen.

Das Haus der Familie soll jedoch an ihren Cousin, den Sohn des Bruders ihres Vaters, gehen, da nach dem traditionellen Erbrecht in Swanetien Frauen kein Land erben können. Im Interview erzählt Ana davon, dass sie versucht, ihr Erbe über den behördlichen Weg zu bekommen – sie führt ein langes Gespräch mit der staatlichen Registrierungsbehörde. Doch die Hürden sind hoch. Mehrere amtlich beglaubigte Aussagen von männlichen Nachbarn wären nötig, um zu bestätigen, dass ihr das Haus ganz oder teilweise gehört. Am Ende deutet der Film an, dass Ana diese Zeugenaussagen nie bekommen wird.



Spannungsfelder zwischen Tradition und Moderne in Swanetien
Das Verhältnis zwischen Tradition und Moderne ist in Swanetien ebenso angespannt wie in vielen anderen Regionen der Welt. Einerseits hat Swanetien intensive Modernisierungsphasen durchlaufen, die mit der Sowjetzeit begannen und die Region in Bezug auf Landwirtschaft und Architektur grundlegend umstrukturierten. Dies hatte auch erhebliche Auswirkungen auf das Verständnis der Geschlechterrollen, da die Familien gezwungen wurden, den Frauen Zugang zu Bildung zu eröffnen. Infolgedessen gibt es heute in der Region eine große Zahl hochqualifizierter Frauen. Allerdings ist die Arbeitslosigkeit hoch, insbesondere in Berufen mit Hochschulabschluss.
Auf der anderen Seite ist das Leben in den Dörfern noch stark von traditionellen Vorstellungen geprägt. Das liegt vor allem daran, dass fast alle Swanen Landwirtschaft in Handarbeit verrichten müssen, um sich selbst zu versorgen. Der Grad der Mechanisierung in der Landwirtschaft ist gering. Wo zu Sowjetzeiten landwirtschaftliche Maschinen eingesetzt wurden, stehen sie heute mangels Reparaturmöglichkeiten meist ungenutzt herum. Wie überall auf der Welt werden die zeitaufwändigeren, kleineren Arbeiten im Garten und im Haushalt von den Frauen erledigt, während die Männer die körperlich anstrengenderen Arbeiten im Wald und auf den Feldern verrichten.










Zu den Modernisierungsangeboten in der Landwirtschaft gehörte in den letzten Jahren vor allem der Vorschlag zur Bildung von Genossenschaften. Der georgische Staat ist jedoch nach wie vor nicht in der Lage, die Menschen aus der landwirtschaftlichen Selbstversorgung zu entlassen. Das Vertrauen in staatliche Angebote ist in Swanetien generell gering. Diejenigen, die wenig besitzen, versuchen zumindest, das in Ordnung zu halten und sich auf sich selbst zu konzentrieren.
Die Konflikte, die mit dem Beispiel von Ana verbunden sind, sind typisch für die Dorfgemeinschaften zwischen Mestia und Uschguli, die seit einigen Jahren einen starken Zustrom von Touristen erleben. Das Haus von Anas Familie stand jahrzehntelang leer, weil die Familie aus Uschguli weggezogen war. Erst im Sommer 2018 kehrten sie zurück, wie viele andere, die ursprünglich aus Uschguli kamen, weil der Tourismus den Familien die Möglichkeit bot, mit ihrem Haus und dem übrigen Land, das sie besitzen, Geld zu verdienen. Bekanntlich sind die Lebensbedingungen in Georgien oftmals prekär. Die nach der Winterkatastrophe 1986/87 vor allem nach Kvemo Kartli umgesiedelten Swanen konnten dort in den schwierigen 1990er Jahren wirtschaftlich nicht ausreichend Fuß fassen. Die sommerliche Rückkehr von diesen nach Swanetien erhöht jedoch den Wettbewerb um Touristen, die Swanetien besuchen.
Erbrecht und Bodenverteilung in Swanetien
Als einer der Hauptgründe für die Dauerhaftigkeit traditioneller sozialer Vorstellungen unter Swanen wird im swanischen Abstammungs- oder Herkunftsverständnis gesehen (gvari als männliche Abstammungslinien des Vaters), das direkt an das Recht an Eigentum von Boden gebunden ist. Daraus folgen Verfahren, die das Aushandeln von Besitzverhältnissen zwischen Familienlinien regeln, die wiederum aus Heiratsverhältnissen hervorgehen (Aufteilung der gvari in Bruderschaften, samkhub oder lamkhub als Verzweigungen der männlichen Abstammungslinie, deren Mitglieder allesamt als Brüder angesehen werden). Als temi werden einerseits die Familienäste desselben Nachnamens bezeichnet, andererseits alle Flächen einer Ortschaft als territoriale Einheit. Die familiären Abstammungslinien sind somit der gesamten Kulturlandschaft Swanetiens eingeschrieben, weswegen es selbst dem restriktiven Sowjetsystem nicht möglich war, die Kollektivierung in letzter Instanz so umzusetzen, dass sich der Umgang der Menschen mit dem Land, welches sie bewirtschafteten von den althergebrachten Eigentumsvorstellungen löste.
Allerdings führte das traditionelle Erbrecht schon immer zu einer starken Zersplitterung der Flächen. Bereits in der Zeit der Sowjetunion mussten deshalb viele Swanen von der Möglichkeit sowjetinterner Arbeitsmigration Gebrauch machen. Eine andere Möglichkeit, der Bindung an den Boden zu entkommen bestand für Swanen im Bildungsaufstieg, der sie in anerkannte akademische Berufe führte.
Landkonflikte in Swanetien seit den 1990er Jahren
Auch in Swanetien wurde der Boden seit 1993 aus landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaften wie Kolchose oder Sowchose zunächst nach dem Prinzip der Belegschaftsprivatisierung aufgeteilt, d.h. jedes Belegschaftsmitglied erhielt gleich viel Bodenanteil. Mit Beginn der staatlichen Desintegration als Folge des Zusammenbruchs der Sowjetunion waren aber schon große Flächen über Mediatorengerichte und sogenannte professionelle „Erinnerer“ unter den Familien, die ihre Ansprüche vor diesen inoffiziellen Gerichten geltend machen konnten, verteilt worden. In Dorfgemeinschaften wie Lenjeri oder Latali erfolgte diese Rückverteilung im Gegensatz zum Verwaltungszentrum Mestia eher konfliktfrei, weil dort weniger Flächenkonkurrenz bestand. Mit der Zunahme der Nachfrage nach Nutzung von Flächen für den Tourismus nehmen Konflikte im Zusammenhang mit nicht geklärten Besitzverhältnissen allerdings zu.
All diese Konflikte werden durch Aneignung von Land durch mächtige lokale Familien verschärft, die oft durch politischen Einfluss unterstützt werden. Diese Konflikte nehmen mit der Zunahme des Tourismus noch zu. Aufgrund der georgischen Rechtslage bei der Landvergabe kann nur Land in Privatbesitz überführt werden, für das schriftliche Dokumente existieren. In Swanetien gibt es jedoch für etwa 80 % des Landes keine solchen Unterlagen. Außerdem verfügt die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nicht über die finanziellen Mittel, um ihre Ansprüche vor Gericht geltend zu machen. Selbst im Fall der Grundstücke in den beiden großen Skigebieten Hatsvali und Tetnuldi sowie beim Bau des Flughafens Mestia wurden bisher kaum Entschädigungszahlungen geleistet, weil die betroffenen Familien ihre Rechte an den Grundstücken nicht nachweisen konnten. Lokaler Einfluss und finanzielles Potenzial verstärken sich also in Mestia gegenseitig: Große Hotelbauten macht- und finanzkräftiger Familien, die vor allem dem rasant wachsenden lukrativen Wintertourismus dienen, tragen ebenfalls zur Verschärfung des Konflikts bei. Denn sie werden oft auf so genanntem Staatsland gebaut, das von den Bauherren nach einem schriftlichen Rechtsverständnis legal erworben wurde.
Nach traditionellen Rechtsvorstellungen gehörten diese Flächen jedoch bestimmten Familien. So führt nach Ansicht zahlreicher Nichtregierungsorganisationen die zunehmende Konkurrenz um Land aufgrund der unzureichenden Rechtslage zu immer mehr faktischer Enteignung. Dies ist für die betroffenen Familien bedrohlich, denn nur 6,7 % der Landfläche in Svaneti sind für die Landwirtschaft geeignet. Davon sind nur 7 % für den Ackerbau geeignet, weitere 9 % für die Heugewinnung – der Rest sind magere Weideflächen ober- und unterhalb der Waldgrenze.
Text: © Stefan Applis (2020); aus: Stefan Applis (2021). Swanetien entdecken. Ein Kultur- und Naturreiseführer für Georgien. Mitteldeutscher Verlag. Halle.

Fotos: © Stefan Applis (2017, 2018, 2019)
Lesetipps:
Green Alternativ et al. (2011): Problems related to the Protection of Property Rights – The case of Mestia. Tbilisi. https://transparency.ge/en/post/report/problems-related-protection-property-rights-case-mestia-july-2011
Jan Koehler (2016): Parallele und integrierte Rechtsysteme in einer postsowjetischen Peripherie: Swanetien im Hohen Kaukasus. Berlin.
Nino Tserediani, Kevin Tuite & Paata Bukhrashvili: Women as Bread-Bakers and Ritual Makers. In Tsypylma Darieva, Florian Mühlried & Kevin Tuite (2018). Sacred Places, Emerging Spaces. Religious Pluralism in the Post-Soviet Caucasus. Berghahn: New York, Oxford.