Die Bedeutung des Alawerdiklosters und des Alawerdobafestes für die Georgische Orthodoxe Kirche
Nicht allein nur durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Unabhängigkeit Georgiens erfolgte seit 1991 eine Abgrenzung zum Nordkaukasus. Auch die Georgische Orthodoxe Kirche (GOK) hat ein Interesse den Grenzraum im Norden und mithin Tuschetien gegen den vom islamischen Glauben geprägten Süden der Russischen Föderation abzugrenzen. Die GOK spielt eine entscheidende Rolle in der Politik Georgiens und in der Definition dessen, was es bedeutet Georgierin und Georgier zu sein. Sie genießt in Georgien Verfassungsrang und Steuerfreiheit und erhält staatliche Zuschüsse. Katholikos-Patriarch ist Illia II., der Erzbischof von Mzcheta-Tbilissi. Seit dem Ende der Sowjetunion verfolgt die GOK in den Bergregionen das Ziel nicht-orthodoxe, mutmaßlich vorchristliche Praktiken zurückzudrängen und durch den Bau neuer Kirchen, das Durchführen von Prozessionen und eine vermehrte Präsenz bei religiösen Festen den christlichen Glauben nach ihrer Lesart zu definieren und zu propagieren.
So wurden in den Jahren 2006 und 2007 zum ersten Mal Ikonenprozessionen in Tuschetien entlang der Grenze durchgeführt unter Leitung von Erzbischof David, dem Metropoliten des im Alwani-Tal gelegenen Klosters Alawerdi, um den christlichen gegen den islamischen Raum spirituell abzugrenzen. Im Rahmen dieser Ikonenprozessionen wurden auch vier nach der zaristischen Machtübernahme im Jahr 1801 gebauten orthodoxen Kirchen besucht, um dort Gottesdienste, Hochzeiten und Taufen durchzuführen. Der Erzbischof sieht die Stärkung des Georgisch-Orthodoxen Glaubens und die Verdrängung vorchristlicher Praktiken als Voraussetzung für die Wiederbelebung Tuschetiens an, welche wiederum Voraussetzung ist für die Stärkung und den Schutz der Region vor den islamischen Nachbarn. Hierzu soll auch ein Kloster in der verfallenen Festung Diklo nahe der Grenze nach Dagestan errichtet werden.



Das Alawerdi-Kloster geht auf eine Kirchenanlage aus dem 4. Jahrhundert zurück. Im 11. Jahrhundert wurde die Kirche ausgebaut und mit einem Kirchturm versehen, der bis zum Bau der Dreieinigkeitskirche in Tiflis 2004 der größte seiner Art in Georgien war.


Noch heute ist die Alawerdi-Kirche die drittgrößte Kirche in Georgien. Der Name der Kirche ist umstritten. Einige verweisen auf einen Kirchengründer namens Josef von Alawerdi (Ioseb Alawerdeli); für den Bischof des Klosters, Metropolit Davit, stammt der Name hingegen von einer Pflanzenart oder bezeichnet seine Nachbarschaft zum Dorf Alwani (von alwnis gwerdse – wörtl.: neben Alwani). Der Name Alawerdi ist allerdings noch in anderen Regionen des Südkaukasus verbreitet, wo er meist auf den islamischen Glauben zurückgeführt wird, genauer gesagt auf das turksprachige allah verdi – Gott hat gegeben. Und so finden sich auch tatsächlich Spuren, dass der Ort auch für Muslime eine besondere, vielleicht sogar sakrale Bedeutung gehabt haben könnte. Zum einen handelt es sich dabei um eine rotundenförmige Anlage im Kirchhof, die vermutlich aus der Zeit der Herrschaft des persisch-muslimischen Herrschers Schah Abbas stammt und von einigen – vermutlich fälschlicher Weise – für eine Moschee gehalten wird. Zum anderen rankt sich eine noch heute verbreitete Legende um einen muslimischen Baumeister der Kirche, der während der Arbeiten stürtzte und dabei ausrief: Allah verdi (im Sinne von: Gott hat es so gefügt). Dort, wo der Baumeister aufschlug, hinterließ er der legende zu Folge einen Handabdruck im Gestein. Tatsächlich gab es bis Anfang der 2000er Jahre einen Handabdruck auf dem Boden der Alawerdi-Kirche, in den einige Besucher ihre eigene Hand legten und sich etwas wünschen. Dieser Abdruck wurde jedoch, auf Geheiß des Bischofs Davit entfernt und soll in ein Museum überführt werden, was allerdings bis heute nicht geschehen ist.
Eine weitere Spur für die besondere Bedeutung des Ortes sowohl für Christen als auch für Muslime ist das Alawerdoba-Fest, das seit Jahrhunderten alljährlich an drei aufeinander folgenden Wochenenden im Herbst neben (und in der Sowjetzeit auch in) der Kirche stattfindet. Früher eines des größten Volksfeste Georgiens, wurde dieses sowohl von Christen aus auch Muslimen sowie sowohl von Hochland- als auch von Flachlandbewohnern besucht, die dort feierten und Handel betrieben. Um das Jahr 2006 wurde dieses Fest jedoch zum reineren Kirchenfest erklärt und es wurden Maßnahmen ergriffen, missliebige Praktiken zu unterbinden, zu denen auch der Besuch muslimischer Menschen zählt.
Text: Florian Mühlfried (2023)
Fotografie: Stefan Applis (2023)