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Praktiken

„Wenn ein Mensch eine Praktik erwirbt, dann lernt er, seinen Körper auf eine bestimmte, regelmäßige und ‚gekonnte‘ Weise zu bewegen und zu aktivieren oder besser: auf ein bestimmte Weise Körper zu ‚sein‘ (…).“ (Reckwitz 2003, 290)

Wenn Menschen etwas tun, schaffen sie damit ganz konkrete Sinnwelten, in denen Gegenstände und Personen, die in dieses Tun einbezogen werden, eine bestimmte Bedeutung besitzen. Das Wissen um diese Sinnwelten ist dem Tun oder den PRAKTIKEN sozusagen eingeschrieben und dem, der etwas routiniert tut, in der Regel nicht konkret zugänglich. Er tut es einfachhin, während zugleich sehr spezifische Formen praktischen Wissens im Tun zum Ausdruck kommen. Beobachten wir eine Praktik, die uns insofern fremd ist, als wir sie selbst nicht ebenso vollziehen könnten, erhält dieses praktische Tun oft einen Aufführungscharakter für uns. Wir wohnen der Aufführung eines kompetenten Körpers bei. Damit wird das im Selbstverständlichen Verborgene sichtbar.

„Es sind zwei ‚materielle‘ Instanzen, die die Existenz einer Praktik ermöglichen (…): die menschlichen ‚Körper‘ und die ‚Artefakte‘.“ (Reckwitz 2003, ebd.)

Dabei ist die Auswahl dessen, was uns als besonders erscheint, nur verständlich vor dem Rahmen, innerhalb dessen wir uns orientieren. Eine Praktik, die dem spätmodernen Subjekt Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit verleihen soll (vgl. Reckwitz 2017) wie das Herstellen eines Tisches aus Holz stellt sich für ein Subjekt in anderen sozialen Kontexten als ganz allgemein verfügbare Tätigkeit dar. Wobei diese allgemeine Verfügbarkeit seines Tuns zugleich nicht ausschließt, dass eben diese Tätigkeit und die damit verbunden Leistung seiner Lebensform und mithin seinem Leben Würde zusprechen.

Darin verbindet sich das Tun mit dem Wissen, wer man ist, das heißt, „dass man sich im moralischen Raum auskennt, in einem Raum, in dem sich Fragen stellen mit Bezug auf das, was gut ist und schlecht, was sich zu tun lohnt und was nicht, was für den Betreffenden Sinn und Wichtigkeit hat und was ihm trivial und nebensächlich vorkommt.“ (Taylor 2009, 56)

Die Beiträge gehen auf methodologisch verschiedene Weisen dem impliziten Wissen im Tun nach. Sie versuchen die Frage nach dem Wie des Tuns zu verknüpfen mit der Frage danach, wie sich die Handelnden in ihrem Tun verstehen und auf diese Weise im Tun danach trachten, sich selbst herzustellen.

Autor: © Stefan Applis (2018)

Bild: © Stefan Applis (2017)

Hinweis: Beiträge & Seite befinden sich im Aufbau (Oktober 2018); Beiträge mit dem Schlagwort Praktiken finden sich hier.

Literaturhinweise:

Reckwitz, A. (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Suhrkamp: Frankfurt am Main.

Reckwitz, A. (2003): Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive. In: Zeitschrift für Soziologie, (32)4, 282-301.

Taylor, C. (2009): Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität. Suhrkamp: Frankfurt am Main.

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