Geographien | doing geography

Räumlichkeiten & Zeitlichkeiten, Personen, Dinge & Tun | Notes on the creation of social space

Menschen & Praktiken

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„Wissen, wer man ist, heißt, dass man sich im moralischen Raum auskennt, in einem Raum, in dem sich Fragen stellen mit Bezug auf das, was gut ist und schlecht, was sich zu tun lohnt und was nicht, was für den Betreffenden Sinn und Wichtigkeit hat und was ihm trivial und nebensächlich vorkommt.“

(Taylor 1996, 56)

Menschen

Die Portraits unter dem Schlagwort MENSCHEN sind immer Ergebnis eines Aufhaltens bei anderen. Diese waren bereit etwas zu teilen: Den Horizont, vor dem sie ihr Leben führen. Dieser Horizont kann als eine Art Rahmen bezeichnet werden. Innerhalb dieses Rahmens geben sie eine Antwort auf die Frage, wer sie sind, indem sie erklären, wie sie sich verstehen.

Was gibt es in der Welt? Wie liegen die Dinge zueinander? Worauf kommt es an? Welche Bedeutung haben die Dinge? Welche Möglichkeiten zu sein oder zu handeln haben wir? Nach Taylor (2009, 59) gehen wir „von der Grundannahme aus, ein handelndes Individuum existiere in einem Raum voller Fragen, wobei es sich um Fragen handelt, auf die unsere Rahmendefinitionen Antworten geben, die den Horizont bilden, angesichts dessen wir wissen, wo wir stehen und welche Bedeutungen die Dinge haben.“ Stabile Identitäten sind entsprechend nur dann möglich, wenn Menschen „die Horizonte des Wichtigen und Unwichtigen, des Wertvollen und Edlen oder des Nebensächlichen und Hässlichen etc. […] [bestimmen können]. Wie auf einer Landkarte stellen Menschen dar, „worauf es ankommt, was wichtig ist“ (Rosa 2016, 227). Solche Landkarten sind ethisch deshalb, weil sie moralische Werturteile enthalten und so die Wahrnehmung aller Dinge im Raum bestimmen.

Moralische Lanfschaften_Titel_Kamil Mr Bleck

Die Rede von einer moralischen Orientierung oder einer Wertorientierung ist der Orientierung im Raum ähnlich: Wir wissen, wo wir stehen und aus welchen Gründen. Sind wir orientierungslos, so suchen wir den Weg. Wir meiden bestimmte Wege und ziehen andere vor. Wir sehen Berge vor uns von dem, was wir erreichen wollen. An machen scheitern wir, andere bezwingen wir. Und oft durchlaufen wir tiefe Täler dessen, was wir eigentlich hatten meiden wollen.

All diese Vorstellungen und Deutungen von dem, was wir sein wollen, gehören uns aber nicht allein. Sie sind immer schon in der Gesellschaft materialisiert: Freiheit, Selbstverwirklichung, Zukunftsträume, Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, Ethnizität & Nationalität, Weltoffenheit, auch Angst vor Überfremdung „gibt es nicht schlechthin in der Welt – es gibt sie nur in den zugehörigen kulturellen Welten“ (vgl. Rosa 2016, 226). Entsprechend nehmen Menschen unterschiedlicher kultureller Prägungen auch reale Räume unterschiedlich wahr.

Praktiken

Wenn Menschen etwas tun, schaffen sie damit bedeutungsvolle Räume. In diesen Räumen wird Dingen und Personen, die in eine Praktik einbezogen werden, eine bestimmte Bedeutung zugewiesen.

„Wenn ein Mensch eine Praktik erwirbt, dann lernt er, seinen Körper auf eine bestimmte, regelmäßige und ‚gekonnte‘ Weise zu bewegen und zu aktivieren oder besser: auf ein bestimmte Weise Körper zu ‚sein‘ (…).“

(Reckwitz 2003, 290)

Viele der ganz selbstverständlichen Alltagspraktiken, die von außen bedeutungslos erscheinen, sind für die Menschen, die sie tun, auch Ausdruck ihrer Lebensform. Sie verleihensomit ihrem Leben Würde.

Darin verbindet sich das Tun mit dem Wissen, wer man ist, das heißt, „dass man sich im moralischen Raum auskennt, in einem Raum, in dem sich Fragen stellen mit Bezug auf das, was gut ist und schlecht, was sich zu tun lohnt und was nicht, was für den Betreffenden Sinn und Wichtigkeit hat und was ihm trivial und nebensächlich vorkommt.“ (Taylor 2009, 56)

Autor: © Stefan Applis (2018)

Bild: © Stefan Applis (2017)

Literaturhinweise:

Reckwitz, A. (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Suhrkamp: Frankfurt am Main.

Reckwitz, A. (2003): Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive. In: Zeitschrift für Soziologie, (32)4, 282-301.

Rosa, H. (2016). Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Taylor, C. (2009): Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität. Suhrkamp: Frankfurt am Main.

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