Geographien | doing geography

Räumlichkeiten & Zeitlichkeiten, Personen, Dinge & Tun | Notes on the creation of social space

Fliegende Bauten

Die Arbeit von Schaustellerinnen und Schaustellern, d.h. Transport, Auf- und Abbau, Betrieb, Prüfung, Leben im Reisezyklus, ist im deutschsprachigen Raum kaum untersucht. Es finden sich Beiträge zur Kultur- und Kunstgeschichte der Attraktionen (Szabo, Dering, Ramus), eine neuere ethnographische Studie mit Arbeitsbezug aus Österreich (Barnaš) sowie eine dichtere, oft von Insiderinnen und Insidern getragene Forschung in Großbritannien (Toulmin, National Fairground and Circus Archive, Chadwick).
Genau hier setzt das Projekt „Fliegende Bauten“ an. Es fragt, wie das Aufstellen, Betreiben und Weiterziehen heute in Deutschland vollzogen wird und welche transgenerationellen Familiengeschichten sich dahinter verbergen. Es will die Arbeit im Jahresverlauf sichtbar machen: als körperliche Arbeit, unter Auseinandersettung mit rechtlichen Vorgaben und im Umgang mit Fahrgeschäften, Fahrzeugen und Technik. Das Projekt verbindet Ethnologie und Geographie. Im Mittelpunkt stehen Interviews mit Schaustellerfamilien. Film- und Fotoaufnahmen sollen zeigen, wie deren Arbeit aussieht.

Teilfragen im Projekt:
  1. Wie sind Auf- und Abbau sequenziell und arbeitsteilig organisiert, und wie wird dabei Können in der Familie weitergegeben?
  2. Wie übersetzen Schausteller:innen das Prüfbuch in Handgriffe – und wo improvisieren sie innerhalb der Regeln?
  3. Wie wird der Festplatz als Ort auf Zeit hergestellt, bewohnt und wieder aufgelöst?
  4. Welche Raum-Zeit-Rhythmen (Saison, Route, Winterquartier) strukturieren Arbeit und Familienleben, und wie erzählen die Familien sie?
  5. Wie verändern Arbeitskräftemangel, Kosten und kommunale Platzpolitik die Praktiken und die Geographie der Betriebe?
Beteiligte im Projekt: Stefan Applis, Christoph Baumann und Chris Frenz (Stand November 2026)
Titelbild: Magnific (2026)
Literatur

Barnaš, Veronika (2020): Arbeit am Schwindel. Fahrende Schausteller*innen und mechanisch erzeugte Rauscherlebnisse auf Jahrmärkten. (Filmische) Einblicke in die Gegenwart und historischer Kontext. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde, Bd. 123 (2020) / N.S. 74, S. 87–114.

Barnaš, Veronika (2020): Mastering Entertainment. Travelling Showpeople in Upper Austria from the Nineteenth Century to the Present. In: European Journal of Life Writing, Vol. 9, S. C1–C29. DOI: 10.21827/ejlw.9.36078.

Dering, Florian (1986): Volksbelustigungen. Eine bildreiche Kulturgeschichte von den Fahr-, Belustigungs- und Geschicklichkeitsgeschäften der Schausteller vom achtzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart. Nördlingen: Greno.

Greenfields, Margaret / Chadwick, Sheldon / Smith, David / Coker, Sophie (2023): In Fair Health? A Pilot Study of the Health and Wellbeing Status of Travelling Showpeople in Two Locales. Showmen’s Mental Health Awareness Charity / Anglia Ruskin University.

Ramus, Margit: Kulturgut Volksfest. Online-Dokumentation zur Kulturgeschichte des Jahrmarkts. .

Szabo, Sacha-Roger (2006): Rausch und Rummel. Attraktionen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks. Eine soziologische Kulturgeschichte. Bielefeld: transcript.

Toulmin, Vanessa (1997): The Social and Oral History of Travelling Showpeople from 1890 to the Present Day. PhD-Dissertation, University of Sheffield. Toulmin, Vanessa (2003): Pleasurelands. Sheffield: National Fairground Archive, University of Sheffield Library.