Archiv der Kategorie: Georgien

Porträt | Teimuraz Nizharadze – Der letzte Direktor der Sowchose (Ushguli, Georgien)

Teimuraz Nizahradze war die letzten beiden Jahre, bis das Sowjetsystem zusammenbrach, Leiter der Sowchose in Ushguli gewesen. Ackerbau und Viehzucht sicherten in Swanetien, das von zwei langgezogenen Gebirgsflüssen geprägt ist, schon immer die Lebensgrundlagen der Menschen. Während Oberswanetien (Zemo Svaneti) entlang des Laufs des Enguri liegt, der tiefe Schluchten in die nordwestlich gelegenen Gebirgsabschnitte Georgiens geschnitten hat, umgibt Niederswanetien (Kvemo Svaneti) die Schlucht des Flussus Tskhenistskali. Ober- und Niederswanetien sind wiederum durch einen Gebirgszug voneinander getrennt, wodurch der wirtschaftliche und soziale Austausch zwischen beiden Regionen schon immer begrenzt war. Die engenTäler und steilen Hanglagen bieten wenig Möglichkeiten für eine andere Nutzung als die einer entbehrungsreichen Bergbauernwirtschaft. Daneben wurde immer auch Forstwirtschaft betrieben, welcher aber, mit zunehmender Höhe, enge Grenzen gesetzt sind.

1951, erzählt Teimuraz, wurde aller Besitz, der zuvor schon zum Staatseigentum erklärt worden war, in einen Kolchosbetrieb überführt. Man schaffte den Getreideanbau ab, der die Landschaft über jahrhunderte geprägt hatte. Stattdessen wurden Kartoffeln eingeführt und der Viehbestand deutlich erhöht. Es dauerte aber einige Jahre gedauert, bis eine Sorte gefunden wurde, die auf der Höhe gut gedieh. Die ersten Versuche scheiterten. Die Kartoffeln verfaulten in der Erde, was zu großen Problemen in der Versorgung führte, zumal seitdem auf die Einfuhr von Mehl angewiesen war. Am Anfang waren auch alle beistert gewesen von der kommunistischen Idee, dass alle gleich wären, eine gewaltige Aufbrauchstimmmung habe geherrscht. Dann hätten aber alle bald angefangen schlechter zu arbeiten und sich aus den gemeinschaftlichen Mittel zu bedienen, wo immer es ging.

Ein jeder hier ist eben so, dass er mehr auf sich und seine Familie schaut, dann auf die weiteren Verwandten und nicht auf die, die nicht zu ihm gehören.

Swanen hätten ein starkes Ehr- und Gerechtigkeitsgefühl, meint Teimuraz. Langsam spricht er, bedächtig jedes Wort abwiegend. Man halte still, sei geduldig, sage lange nichts. Wenn Swanen dann zusammensitzen, Wein und Chacha tränken, könne es geschehen, dass Konflikte, die nicht gelöst wurden, ausbrechen. Er selbst sei deshalb früher auch schon Mitglied von Ältestenräten und Gesandtschaften gewesen, um Bodenkonflikte zu lösen oder Blutrache abzuwenden. Woanders komme das noch vor, in Ushguli aber nicht mehr. Deshalb sei es wichtig, dass man sich besuche, den Kontakt pflege, zusammensitze, trinke und rede, um Schwierigkeiten auszuräumen.

Im Sowjetsystem hätten alle nur auf dem Grund, der im Familienbesitz verblieb, gut und fleißig gearbeitet, um sich selbst zu versorgen und den Überschuss zu verkaufen. Durch die Umwandlung zur Sowchose 1970 habe der Staat mit stärkerer Kontrolle darauf zu reagieren versucht, aber auch das habe letztendlich nichts gebracht. Kaum einer hier habe je daran geglaubt, dass der Boden, auf dem er lebte, dem Staat oder dem Kollektiv gehörte – schließlich war das Land seit Jahrhunderten im Besitz der verschiedenen Abstammungslinien gewesen.

Ob er Tschingis Aitmatows Bericht über dessen Studium in Dschambul kenne, frage ich. Der große sowjetisch-kirgisische Schriftsteller, der, vom Dorf kommend, im Sowjetsystem Viehzucht studierte und dann Tiermediziner wurde, erzählt davon, dass sie nur einen Lehrer gehabt hatten, der mit den Studenten den Lehrsaal verließ und sie auf den Basar mitnahm, damit sie ihr wissen an wirklichen Tiere überprüfen konnten. Damals sei es verpöhnt gewesen unter Akademikern, mit dem einfachen Volk, das als ungebildet und unkultutiviert galt, in direkten Kontakt zu treten, berichtet Aitmatow. Nur bei diesem Lehrer konnte er feststellen, wie viel er schon wusste von Kindheit an. Teimuraz nickt heftig mit dem Kopf. Aitmatows Erfahrungen sind dem Jungen aus einer Familie von Bergbauern vertraut.

Genauso ist es gewesen. Nichts haben wir gelernt an der Universität. Alles, was ich weiß über Landwirtschaft und Viehzucht, weiß ich, weil ich hier aufgewachsen bin. Marx und Engels mussten wir studieren, aber wie es genau in der Welt vor sich geht, das hat keinen unserer Lehrer interessiert.

Die Familienwerte der Swanen bestehen für Teimuraz darin, dass man sich gegenseitig helfe, aufeinander höre, sich dem Rat der Älteren füge und füreinander einstehe. Familie und Boden seien in Swanetien nicht voneinander zu trennen. Die ganze Landschaft, meint, Teimuraz, und er schwenkt den rechten Arm weit nach außen, erzähle von den Familien und ihrer Geschichte. Ein jeder, der hier aufgewachsen sei, können an jeder Fläche, jeder Weide, jedem Waldstück, jedem Acker, jedem Haus nachzeichnen, wer dort gelebt habe und zu welcher Abstammungslinie alles gehöre. In der Sowjetunion sei de jure alles staatlich gewesen bis auf die Hofflächen. De facto aber habe man so weitergelebt wie zuvor. Nach dem Ende der Sowjetunion hätten alle dann ihr Familieneigentum zurückerhalten, auch wenn nichts registriert gewesen war. Der Wald sei bis heute staatlich. De jure!, betont Teiumraz und hebt den Finger. De facto aber verhielten sich alle so, als sei er weiterhin Familienbesitz. Auch früher und in der Sowjetzeit habe es Flächen gegeben, auf denen jeder Holz habe schlagen können und so sei es auch heute. Niemals aber würde einer einen Baum auf der Fläche eines anderen zu schlagen. Auch die Flächen derer, die längst nicht mehr in Ushguli leben, bleiben unangetastet. Nicht stehlen, nicht lügen, niemand anderen töten – diese Grundprinzipien seien die wichtigsten. Ein jeder sei anders, sehe die Dinge etwas anders, und das sei auch gut so.

Seit etwas zehn Jahren wird es besser, seit sieben Jahren jedes Jahr, manchmal schon Monat für Monat.

Die staatlichen Idee nach Ende der Sowjetunion, dass sich kleine landwirtschaftliche Wirtschaftseinheiten zusammenschlössen in Kooperationen, die dann staatliche Unterstützung erhielten, habe ebenfalls nicht funktioniert. Weshalb sollten er und sein Nachbar sich zusammenschließen? Teimuraz hebt die Schultern, öffnet weit die Augen und schüttelt den schweren Kopf. Er selbst könne sich keinen Grund dafür denken und ebensowenig, hat man als Zuhörer den Eindruck, können ein anderer Swane das. Sie gehörten doch zu verschiedenen Familien!, bekräftigt er. Teimuraz kneift die Augen zusammen und dreht den Kopf leicht in Richtung des Nachbarhauses. Ein jeder beobachte genau, was der andere tue, überlege dann, was passend für einen selbst sei und treffe dann seine eigene Entscheidung. Man schaue sich durchaus etwas untereinander ab, meint er, hebt den Finger und wartet kurz, ehe er weiterspricht: Aber jeder sei erst einmal sich selbst und seiner Familie verpflichtet.

Die Böden hier eigneten sich hervorragend für den Anbau von Kartoffeln in großen Mengen. In der Sowjetzeit habe das sehr gut funktioniert, auch Käse und Fleisch könne man in hoher Qualität produzieren, man müsse es nur entsprechend vermarkten. Denn die Bedingungen seien hervorragend, um biologisch hochwertige Qualität zu produzieren. Dazu brauche es aber Investitionen von Seiten des Staates, die die gesamte Organisationsstruktur Ushgulis betreffen, ohne das könne es auf Dauer nicht gehen.

Das Leben ist schwer hier oben. Im Winter gehen wir ein halbes Jahr kaum aus dem Haus. Zu Beginn des Winters wird alles, was man braucht, ins Haus geschafft. Dann kommt der Schnee und man bleibt unter sich. Man besucht einander zu den Festen, unterhält sich, isst und trinkt. Für einen Maler oder Philosophen kann es kein besseres Leben geben.

Das beste am Sowjetsystem sei gewesen, dass es einen Laden gab, wo man alles kaufen konnte, heute seien die Distanzen zu weit. Keine Freiheit habe es aber gegeben und Freiheit sei das höchste Gut. Für ihn könne es kein besseres Leben geben. Er habe die Kühe, zwei Schweine und zwei Pferde, um die er sich nur früh und abends eine halbe Stunde kümmern müssen, den Rest des Tages habe er frei.

Ushguli hat nur eine Zukunft, wenn junge Menschen hier dauerhaft leben wollen.

Die Jungen, die im Sommer nach Ushguli zurückkommen, meint Teimuraz, erinnern sich hier an ihre Kindheit. Aber man könne nicht den Fluss überschreiten, ohne sich die Stiefel nass zu machen. Natürlich ändern sich die Zeiten, das sei immer so gewesen. Und ob er im Garten beobachtet werde von Touristen oder nicht, darüber mache er sich keine Gedanken. Und wenn, dann mache ihm das nichts aus.

In Ushguli lebt eben jeder für sich alleine am besten.

Text: © Stefan Applis (2019)

Bilder: © Stefan Applis (2015, 2018)

Ushguli | Das architektonische Weltkulturerbe Swanetiens – ein Überblick

Annäherung an den gebauten Raum

In einem Essay über die Ortsteile Ushgulis hebt der italienische Architekt Vinzenzo Pavan (2011), dessen Ausführungen hier gefolgt wird, die auf den ersten Blick irritierenden Ähnlichkeiten mit der baulichen Struktur der Stadtstaaten Italiens aus dem 13. Jahrhundert hervor: Gruppen von Türmen und angelehnten Steingebäuden, deren Anordnung keiner sogleich erkennbaren Logik folgt, hingeworfen in kompakten, scharf von der Umgebung abgetrennten Siedlungseinheiten, welche wegen ihrer Bauweise aus massigen Schieferplatten und Kalksteinbruch beim Betrachter den Eindruck von Festungen hervorrufen. Ushguli | Das architektonische Weltkulturerbe Swanetiens – ein Überblick weiterlesen

Poti | Die wartende Stadt (Georgien)

Die nördlich von Batumi am Schwarzen Meer gelegene Hafenstadt Poti ist in vielerlei Hinsicht eine wartende Stadt. Die Einwohner Potis warten seit dem Niedergang des Hafens und einer langen Stagnationsphase in den 1990er Jahren darauf, dass die Stadt, die als westlicher Ausgangspunkt der Bahnstrecke Poti-Baku den zweitgrößten Hafen nach Batumi besitzt, ihre frühere Bedeutung zurückerlangt. In der Zeit der Sowjetunion wurden über Poti Metallerze, Erzeugnisse der georgischen Stahlverarbeitung und unter den landwirtschaftlichen Erzeugnissen vor allem Wein exportiert. Ein nachhaltiger Aufschwung würde auch den vielen Binnenflüchtlingen helfen, die seit dem Abchasienkrieg 1992/93 in Poti in verfallenden Wohneinheiten früherer Hafenarbeiter warten.

Von einem ehemals umfangreicheren Tourismus zeugt die verfallende Infrastruktur an den Stränden und in der Stadt. Heute findet man in Poti nur in wenigen Hotels oder Pensionen Unterkunft, die überwiegend von Durchreisenden genutzt werden. In Poti selbst sucht man vergebens nach Orten, die zum Erholen und Entspannen einladen. Flaneure scheint die Stadt schon Jahrzehnte nicht gesehen zu haben, denn nur wenige Spaziergänger schätzen den Charme von Industrie- und Gewerbebrachen, von Wohngebieten, deren Bewohner sich gegen den Verfall zu stemmen scheinen und überdimensionierten Verwaltungs- und Bildungseinrichtungen, die von einer früher höheren Einwohnerzahl künden. Das einzige Café von Poti trägt den Namen des georgischen Schriftstellers und Politikers Niko Nikoladze, der in der Zeit vor der Oktoberervolution den Eisenbahnbau nach Poti vorantrieb. Junge Musiker spielen dort für wenige Gäste, gemeinsam mit ihnen scheinen sie darauf zu warten entdeckt zu werden.

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Porträt | Pridon Nizharadze – Maler der Traumata Georgiens (Ushguli, Georgien)

Das Haus ist das letzte am Hang. Darüber nur die Kapelle mit der Ikone des Heiligen Georg. Etwas weiter das Kloster. Es ist wenig, was sie sagen über ihn in Ushguli. Nichts gebe es, das er nicht gelesen habe. Er sei der klügste Mensch in Ushguli. So klug! Und sie heben die Hand und winken weit in die Ferne, um zu zeigen, dass nicht sie dies beurteilen könnten. Ihr habt nur Kartoffeln im Kopf! Das soll er vielen schon entgegengeworfen haben. Was Arbeit aber sei, das könne er nicht wissen. Denn, was er tue, sei doch nicht Arbeit. Ein kurzes Erschrecken. Denn nichts Schlechtes sagen sie in Ushguli über den anderen. Wer könne schon wissen, wohin das führe. Die Menschen seien eben verschieden.

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Tskaltubo | Wie zeigt sich Armut? Der Basar Tskaltubos als Ausdruck der Lebensbedingungen von Binnenflüchtlingen aus Abchasien

Im Westen Georgiens ist der weithin verfallene Kurort Tskaltubo einer der Orte, dessen Entwicklung der georgische Staat durch internationale Partnerschaften anzuschieben versucht. Wegen der Besiedelung der Sanatorien und Erholungsheime durch Binnenflüchtlinge in Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen in Abchasien 1992/93 ist dessen Entwicklung bis heute behindert. In Tskaltubo gehören die Binnenflüchtlinge zur Gruppe der besonders gefährdeten, in Armut lebenden Menschen in Georgien. Am Beispiel des Basars Tskaltubos lassen sich grundlegende strukturelle, bis heute nicht gelöste Probleme von Armut in Georgien nachzeichnen. Tskaltubo | Wie zeigt sich Armut? Der Basar Tskaltubos als Ausdruck der Lebensbedingungen von Binnenflüchtlingen aus Abchasien weiterlesen

Tskaltubo | Ein ehemaliger Kurort zwischen Armutstourismus und Bädertourismus (Georgien)

Tskaltubo liegt 15 km nordwestlich von Kutaissi, der zweitgrößten Stadt Georgiens. In der Sowjetzeit war Tskaltubo einer der größten Kurorte des Republikverbundes. In den 1970er Jahren umfasste das Kurangebot der Sowjetrepubliken „rund 6000 Sanatorien, Prophylaktorien und Pensionaten, in dem jährlich an die 13 Millionen Menschen versorgt wurden; […] rund 90 Prozent zu privilegierten Bedingungen auf Staatskosten“ (Schlögel 2017, 305 unter Bezug auf Kozlov 1979). Wegen seiner leicht radioaktiven Thermalquellen wurde Tskaltubo bereits seit dem 19. Jahrhundert als Heilbad betrieben. Im Zuge der sowjetischen Kurortpolitik, die zuvorderst der Aufrechterhaltung der sozialistischen Arbeitskraft diente, baute man es zwischen 1939 und 1955 auf. Dabei entstanden historisierende Gebäudekomplexe im Stil des sowjetischen Neo-Klassizismus – in einer zweiten Hochphase der 1970er Jahre wurde Tskaltubo dann architektonisch im Stil der sowjetischen Moderne ausgebaut. Tskaltubo | Ein ehemaliger Kurort zwischen Armutstourismus und Bädertourismus (Georgien) weiterlesen

Ushguli | Tourismus als Bewältigungsstrategie ökonomischer und sozialer Krisen (Georgien)

In sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht ist Ober-Swanetien seit 1990 eine in besonderem Maße von Krisen geschüttelte Region: Grundsätzlich wegen der Begrenztheit Ihrer landwirtschaftlichen und sonstigen ökonomischen Möglichkeiten als Gebirgs- und Grenzertragsregion; weiterhin durch die Entfernung von den politischen und wirtschaftlichen Zentren und zudem durch die erst seit den letzten Jahren der Sakaschwili-Regierung (2004-2013) durchgesetzte äußere Sicherheit in Ober-Swanetien. Ushguli | Tourismus als Bewältigungsstrategie ökonomischer und sozialer Krisen (Georgien) weiterlesen

Ushguli | Türme, Berge, Hammer & Sichel – Was gehört zum kulturellen Erbe der Dorfgemeinschaft Ushguli in Georgien?

Die Dorfgemeinschaft Ushguli liegt im Norden Georgiens in Oberswanetien und wurde 1996 mit dem Ortsteil Chazhashi zum UNESCO-Welterbe erklärt. Seit etwa 2010 nimmt der Tourismus in der Bergregion stetig zu. Die Einheimischen sind aber nur begrenzt vorbereitet auf den Umgang mit typischen touristischen Interessen. Die meisten Angebote sind wegen der begrenzten finanziellen Ressourcen vor Ort nach wie vor improvisiert, was zugleich den besonderen Charme eines Aufenthalts in der Bergregion ausmacht. Entsprechend ungeordnet treffen hier allerdings auch einander oft in weiten Bereichen entgegengesetzte Interessen von Dorfbewohnern und Touristen aufeinander – auch wenn die wirtschaftlichen Interessen der Dorfbewohner den touristischen Zustrom fortschreitend beschleunigen. Vor allem ist davon das architektonische Erbe betroffen, das einen bedeutenden Teil der Vorstellung der Menschen davon ausmacht, wer sie sind. Ushguli | Türme, Berge, Hammer & Sichel – Was gehört zum kulturellen Erbe der Dorfgemeinschaft Ushguli in Georgien? weiterlesen