Teimuraz Nizharadze in Ushguli erklärt die Landwirtschaft | Stefan Applis

Porträt | Teimuraz Nizharadze – Der letzte Direktor der Sowchose (Ushguli, Georgien)

Teimuraz Nizahradze war die letzten beiden Jahre, ehe das Sowjetsystem zusammenbrach, Leiter der Sowchose in Ushguli. Ackerbau und Viehzucht sicherten in Swanetien, das von zwei langgezogenen Gebirgsflüssen geprägt ist, schon immer die Lebensgrundlagen der Menschen.

Während Oberswanetien (Zemo Svaneti) entlang des Laufs des Enguri liegt, der tiefe Schluchten in die nordwestlich gelegenen Gebirgsabschnitte Georgiens geschnitten hat, umgibt Niederswanetien (Kvemo Svaneti) die Schlucht des Flussus Tskhenistskali. Ober- und Niederswanetien sind wiederum durch einen Gebirgszug voneinander getrennt, wodurch der wirtschaftliche und soziale Austausch zwischen beiden Regionen schon immer begrenzt war. Die engenTäler und steilen Hanglagen bieten wenig Möglichkeiten für eine andere Nutzung als die einer entbehrungsreichen Bergbauernwirtschaft. Daneben wurde immer auch Forstwirtschaft betrieben, welcher aber, mit zunehmender Höhe, enge Grenzen gesetzt sind.

1951, erzählt Teimuraz, wurde aller Besitz, der zuvor schon zum Staatseigentum erklärt worden war, in einen Kolchosbetrieb überführt. Man schaffte den Getreideanbau ab, der die Landschaft über jahrhunderte geprägt hatte. Stattdessen wurden Kartoffeln eingeführt und der Viehbestand deutlich erhöht. Es dauerte aber einige Jahre gedauert, bis eine Sorte gefunden wurde, die auf der Höhe gut gedieh. Die ersten Versuche scheiterten. Die Kartoffeln verfaulten in der Erde, was zu großen Problemen in der Versorgung führte, zumal seitdem auf die Einfuhr von Mehl angewiesen war. Am Anfang waren auch alle beistert gewesen von der kommunistischen Idee, dass alle gleich wären, eine gewaltige Aufbrauchstimmmung habe geherrscht. Dann hätten aber alle bald angefangen schlechter zu arbeiten und sich aus den gemeinschaftlichen Mittel zu bedienen, wo immer es ging.

Ein jeder hier ist eben so, dass er mehr auf sich und seine Familie schaut, dann auf die weiteren Verwandten und nicht auf die, die nicht zu ihm gehören.

Swanen hätten ein starkes Ehr- und Gerechtigkeitsgefühl, meint Teimuraz. Langsam spricht er, bedächtig jedes Wort abwiegend. Man halte still, sei geduldig, sage lange nichts. Wenn Swanen dann zusammensitzen, Wein und Chacha tränken, könne es geschehen, dass Konflikte, die nicht gelöst wurden, ausbrechen. Er selbst sei deshalb früher auch schon Mitglied von Ältestenräten und Gesandtschaften gewesen, um Bodenkonflikte zu lösen oder Blutrache abzuwenden. Woanders komme das noch vor, in Ushguli aber nicht mehr. Deshalb sei es wichtig, dass man sich besuche, den Kontakt pflege, zusammensitze, trinke und rede, um Schwierigkeiten auszuräumen.

Im Sowjetsystem hätten alle nur auf dem Grund, der im Familienbesitz verblieb, gut und fleißig gearbeitet, um sich selbst zu versorgen und den Überschuss zu verkaufen. Durch die Umwandlung zur Sowchose 1970 habe der Staat mit stärkerer Kontrolle darauf zu reagieren versucht, aber auch das habe letztendlich nichts gebracht. Kaum einer hier habe je daran geglaubt, dass der Boden, auf dem er lebte, dem Staat oder dem Kollektiv gehörte – schließlich war das Land seit Jahrhunderten im Besitz der verschiedenen Abstammungslinien gewesen.

Ob er Tschingis Aitmatows Bericht über dessen Studium in Dschambul kenne, frage ich. Der große sowjetisch-kirgisische Schriftsteller, der, vom Dorf kommend, im Sowjetsystem Viehzucht studierte und dann Tiermediziner wurde, erzählt davon, dass sie nur einen Lehrer gehabt hatten, der mit den Studenten den Lehrsaal verließ und sie auf den Basar mitnahm, damit sie ihr Wissen an wirklichen Tiere überprüfen konnten. Damals sei es verpöhnt gewesen unter Akademikern, mit dem einfachen Volk, das als ungebildet und unkultutiviert galt, in direkten Kontakt zu treten, berichtet Aitmatow. Nur bei diesem Lehrer konnte er feststellen, wie viel er schon wusste von Kindheit an. Teimuraz nickt heftig mit dem Kopf. Aitmatows Erfahrungen sind dem Jungen aus einer Familie von Bergbauern vertraut.

Genauso ist es gewesen. Nichts haben wir gelernt an der Universität. Alles, was ich weiß über Landwirtschaft und Viehzucht, weiß ich, weil ich hier aufgewachsen bin. Marx und Engels mussten wir studieren, aber wie es genau in der Welt vor sich geht, das hat keinen unserer Lehrer interessiert.

Die Familienwerte der Swanen bestehen für Teimuraz darin, dass man sich gegenseitig helfe, aufeinander höre, sich dem Rat der Älteren füge und füreinander einstehe. Familie und Boden seien in Swanetien nicht voneinander zu trennen. Die ganze Landschaft, meint, Teimuraz, und er schwenkt den rechten Arm weit nach außen, erzähle von den Familien und ihrer Geschichte. Ein jeder, der hier aufgewachsen sei, können an jeder Fläche, jeder Weide, jedem Waldstück, jedem Acker, jedem Haus nachzeichnen, wer dort gelebt habe und zu welcher Abstammungslinie alles gehöre. In der Sowjetunion sei de jure alles staatlich gewesen bis auf die Hofflächen. De facto aber habe man so weitergelebt wie zuvor. Nach dem Ende der Sowjetunion hätten alle dann ihr Familieneigentum zurückerhalten, auch wenn nichts registriert gewesen war. Der Wald sei bis heute staatlich. De jure!, betont Teiumraz und hebt den Finger. De facto aber verhielten sich alle so, als sei er weiterhin Familienbesitz. Auch früher und in der Sowjetzeit habe es Flächen gegeben, auf denen jeder Holz habe schlagen können und so sei es auch heute. Niemals aber würde einer einen Baum auf der Fläche eines anderen zu schlagen. Auch die Flächen derer, die längst nicht mehr in Ushguli leben, bleiben unangetastet. Nicht stehlen, nicht lügen, niemand anderen töten – diese Grundprinzipien seien die wichtigsten. Ein jeder sei anders, sehe die Dinge etwas anders, und das sei auch gut so.

Seit etwa zehn Jahren wird es besser, seit sieben Jahren jedes Jahr, manchmal schon Monat für Monat.

Die staatlichen Idee nach Ende der Sowjetunion, dass sich kleine landwirtschaftliche Wirtschaftseinheiten zusammenschlössen in Kooperationen, die dann staatliche Unterstützung erhielten, habe ebenfalls nicht funktioniert. Weshalb sollten er und sein Nachbar sich zusammenschließen? Teimuraz hebt die Schultern, öffnet weit die Augen und schüttelt den schweren Kopf. Er selbst könne sich keinen Grund dafür denken und ebensowenig, hat man als Zuhörer den Eindruck, können ein anderer Swane das. Sie gehörten doch zu verschiedenen Familien!, bekräftigt er. Teimuraz kneift die Augen zusammen und dreht den Kopf leicht in Richtung des Nachbarhauses. Ein jeder beobachte genau, was der andere tue, überlege dann, was passend für einen selbst sei und treffe dann seine eigene Entscheidung. Man schaue sich durchaus etwas untereinander ab, meint er, hebt den Finger und wartet kurz, ehe er weiterspricht: Aber jeder sei erst einmal sich selbst und seiner Familie verpflichtet.

Die Böden hier eigneten sich hervorragend für den Anbau von Kartoffeln in großen Mengen. In der Sowjetzeit habe das sehr gut funktioniert, auch Käse und Fleisch könne man in hoher Qualität produzieren, man müsse es nur entsprechend vermarkten. Denn die Bedingungen seien hervorragend, um biologisch hochwertige Qualität zu produzieren. Dazu brauche es aber Investitionen von Seiten des Staates, die die gesamte Organisationsstruktur Ushgulis betreffen, ohne das könne es auf Dauer nicht gehen.

Das Leben ist schwer hier oben. Im Winter gehen wir ein halbes Jahr kaum aus dem Haus. Zu Beginn des Winters wird alles, was man braucht, ins Haus geschafft. Dann kommt der Schnee und man bleibt unter sich. Man besucht einander zu den Festen, unterhält sich, isst und trinkt. Für einen Maler oder Philosophen kann es kein besseres Leben geben.

Das beste am Sowjetsystem sei gewesen, dass es einen Laden gab, wo man alles kaufen konnte, heute seien die Distanzen zu weit. Keine Freiheit habe es aber gegeben und Freiheit sei das höchste Gut. Für ihn könne es kein besseres Leben geben. Er habe die Kühe, zwei Schweine und zwei Pferde, um die er sich nur früh und abends eine halbe Stunde kümmern müssen, den Rest des Tages habe er frei.

Ushguli hat nur eine Zukunft, wenn junge Menschen hier dauerhaft leben wollen.

Die Jungen, die im Sommer nach Ushguli zurückkommen, meint Teimuraz, erinnern sich hier an ihre Kindheit. Aber man könne nicht den Fluss überschreiten, ohne sich die Stiefel nass zu machen. Natürlich ändern sich die Zeiten, das sei immer so gewesen. Und ob er im Garten beobachtet werde von Touristen oder nicht, darüber mache er sich keine Gedanken. Und wenn, dann mache ihm das nichts aus.

In Ushguli lebt eben jeder für sich alleine am besten.

Text: © Stefan Applis (2019)

Bilder: © Stefan Applis (2015, 2018)

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